Ärzte Zeitung, 05.05.2009

Von der Pastorentochter zur Hofärztin der Kronprinzessin

Bis sie ihr "Atelier zur Zahnbehandlung" eröffnen konnte, musste die vor 175 Jahren geborene Henriette Hirschfeld-Tiburtius viele Widerstände überwinden.

Von Ruth Pons

An ihrem Haus in Berlin erinnert seit 1998 eine Gedenktafel an Henriette Hirschfeld-Tiburtius.

Foto: pan-atelier.de

Henriette Hirschfeld-Tiburtius war keine Frau, die schnell die Flinte ins Korn warf. Mit großer Beharrlichkeit trotzte die 1834 auf Sylt geborene Pastorentochter der Männergesellschaft des 19. Jahrhunderts und erfüllte sich ihren Traum von einem eigenständigen Beruf.

Als die kleine und überaus zarte Frau 1867 mit dem Schiff im Hafen von New York ankommt, liegt bereits ein hartes Stück Weg hinter ihr: Nach der Scheidung von ihrem trunksüchtigen Mann, einem holsteinischen Gutsbesitzer, war sie im Alter von 32 Jahren völlig mittellos von Kiel nach Berlin gezogen, um als Gesellschafterin eigenes Geld zu verdienen. Doch die Stellung sagte ihr wenig zu und sie suchte nach einer sinnvolleren Beschäftigung. Zahnschmerzen, unter denen sie schon als Kind gelitten hatte, brachten sie auf den Gedanken, Zahnärztin zu werden.

Für Frauen war dies zu ihrer Zeit in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. Ein amerikanischer Zahnarzt, der in Berlin lebte, riet ihr, es in an einem College in den USA zu versuchen. Henriette büffelte ein Jahr lang Latein und Englisch - und nach unzähligen Bittgängen hielt sie sogar eine Zusicherung des preußischen Kultusministeriums in Händen, dass sie in Berlin zur zahnärztlichen Praxis zugelassen würde, "falls sie von einem im guten Ruf stehenden College ein Zeugnis über ein absolviertes Studium würde vorweisen können".

Auch in den USA war es für Frauen nicht einfacher

In den USA muss Henriette jedoch enttäuscht feststellen, dass auch dort Frauen noch nie Zahnheilkunde studiert hatten. Wieder begibt sie sich auf eine wahre Odyssee, um ein College zu finden, das bereit ist, sie aufzunehmen. Erst in Professor James Truman vom Dental College in Philadelphia findet sie einen Fürsprecher.

Als einzige Frau unter männlichen Kommilitonen wird die freundliche und fleißige Studentin nach anfänglicher Ablehnung bald liebevoll "little mother of the class" genannt, weiß die Medizinerin Cécile Mack in ihrer 1999 erschienenen Dissertation über Deutschlands erste Zahnärztin zu berichten. Ihre anatomischen Studien muss Henriette aus "Schicklichkeitsgründen" allerdings noch einige Zeit am Women's Medical College machen.

Am 27. Februar 1869 erlangt sie nach zweijährigem Studium im Alter von 35 Jahren den Titel "Doctor of Dental Surgery". Obwohl ihr eine Stelle in den USA angeboten wird, kehrt sie nach Berlin zurück und eröffnet in der Nähe der Prachtstraße Unter den Linden als erste Frau ein "Atelier zur Zahnbehandlung".

Doch auch dort ist der Anfang schwer. Damit die "Grenzen der Schamhaftigkeit" gewahrt bleiben, darf sie zunächst nur Frauen und Kinder behandeln. Und auch diese muss sie erst einmal davon überzeugen, dass auch eine Frau etwas von der Zahnmedizin versteht. So schicken die "Damen aus besseren Kreisen" zunächst ihre Kammerzofen, um sich von den Fähigkeiten der Frau Ärztin ein Bild zu machen. Mit ihrem Grundsatz, Zähne zu erhalten, statt zu ziehen, erwirbt sich Henriette Hirschfeld jedoch bald einen Ruf als geschickte und sensible Zahnärztin - und wird schließlich sogar Hofärztin von Kronprinzessin Victoria.

Mit Mitstreiterinnen gründete sie eine Poliklinik

Bald kommt auch privates Glück hinzu: Mit 38 Jahren heiratet sie 1872 den früheren Militärarzt Karl Tiburtius. Das Paar bekommt zwei Söhne. Aber auch als Mutter denkt Henriette nicht daran, ihren Beruf aufzugeben: Sie engagiert sich für sozial Schwache und gründet zusammen mit ihrer Schwägerin Franziska Tiburtius und deren Kollegin Emilie Lehmus 1876 in einem Berliner Arbeiterviertel die erste von Frauen geleitete Poliklinik. 1881 folgt eine Pflegestation speziell für Frauen und Kinder.

Dr. Henriette Hirschfeld-Tiburtius arbeitet bis zu ihrem 65. Lebensjahr und übergibt ihre Praxis dann einer Nichte. Als sie am 25. August 1911 nach einem langen Berufsleben im Alter von 77 Jahren stirbt, sind Ärztinnen in Deutschland noch immer eine Seltenheit: Im damaligen Preußen waren gerade erst drei Jahre zuvor Frauen endlich offiziell zum Studium zugelassen worden.

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