Ärzte Zeitung online, 02.04.2009

Letztes Live-Geleit für "Big Brother"-Star Jade Goody

LONDON/BUCKHURST HILL (dpa). Die Beerdigung des britischen "Big Brother"-Stars Jade Goody ist kein Staatsbegräbnis und doch wird die Nation zuschauen. Das Fernsehen war in Goodys letzten sieben Jahren ihr ständiger Begleiter, bis zum Tod. Nun überträgt es am Samstag live, wie die Trauerkutsche vom Londoner Süden aus über die Tower Bridge - das Wahrzeichen Londons - fährt.

Die Familie der Medien-Ikone erwartet zigtausende Fans auf der rund 16 Kilometer langen Trauerroute in die ostenglische Grafschaft Essex. Die Boulevardpresse sehnt sich nach der größten Beerdigung, die das Land seit dem Tod von Prinzessin Diana im Jahr 1997 gesehen hat.

Die Briten vergleichen bereits die Leben von Diana, Prinzessin von Wales, und Jade, die von ihren Fans zur "Essex-Prinzessin" posthum ernannt wurde. Beide waren fast täglich in den Schlagzeilen, standen auf der Seite der Schwachen der Gesellschaft und hinterlassen zwei Söhne.

Kabarettist Stephen Fry beschrieb Goody als "eine Art Prinzessin Di von der falschen Seite der Gleise". Diana wurde in den Adel geboren, Jade in die Unterschicht - ihr Vater war ein Drogen-Junkie und starb an einer Überdosis, ihre Mutter ist alkoholabhängig.

Jade Goody starb am 22. März, dem britischen Muttertag, im Alter von 27 Jahren, genau einen Monat nach der ebenfalls öffentlich zur Schau gestellten Hochzeit mit ihrem Freund Jack.

Ihre letzte Show hat Jade Goody, dreifache Bewohnerin bei "Big Brother", selbst inszeniert. Das Holz für ihren Sarg stammt aus dem Forst der königlichen Familie in Windsor. Beim Gottesdienst in der anglikanischen St. John's Church in der Kleinstadt Buckhurst Hill erklingen ihre Lieblingslieder. Der Trauerkorso besteht neben der Kutsche aus 21 weiteren Wagen. Nur den Grabplatz hatte sie nicht ausgesucht. Darum kümmerte sich zuletzt ihre Mutter Jackiey. "Jades Beerdigung ist offen für die Welt, weil sie so ihr Leben gelebt hat."

Ihr Publizist Max Clifford kündigt eine "Jade Goody Produktion" an. Das klingt nicht nur zufällig nach Hollywood. "Es wird ein Fest, aber natürlich werden auch viele Tränen fließen." Clifford hat Jade Goody knallhart vermarktet. Bis zu ihrem Tod sind zwei Bücher erschienen, einen Tag nach ihrem Tod kam das dritte heraus. Für die kommenden Wochen sind drei weitere Publikationen angekündigt. Auf dem Markt sind außerdem zwei Fitness-DVDs und zwei Parfüms mit den Namen "Controversial" und "Shh". Wegen der großen Anteilnahme schlägt Clifford vor, Kondolenzbücher in den britischen Kirchen auszulegen.

Goody gab offen zu, die große Aufmerksamkeit der Medien an ihrem aussichtslosen Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs zu nutzen. Das Geld, das sie vor allem für exklusive Fotos und Geschichten in den Gazetten bekam, erben ihre beiden Söhne. Vier Millionen Pfund (4,3 Millionen Euro) sollen es bislang sein. "Ich will nicht, dass meine Kinder dieselbe erbärmliche, von Drogen verdorbene, von Armut geplagte Kindheit haben wie ich", hatte Goody gesagt. Ihre Mutter bekam das Landhaus in Upshire, wo die Busse noch im Stundentakt fahren. Hier gibt es zwar eine Kirche, die wäre aber viel zu klein für den Trubel.

Die nach Goodys Willen abgesteckte Route des Trauerzugs ist auch ein Rückblick auf ihr Leben. Die Platanenallee zu Beginn ist noch eine geschützte Gegend. Hinter der Bahnunterführung aber fängt die Unterschicht an. Zwischen Wettbüros und Pubs wird großflächig an die Jugend appelliert, nicht mit Waffen herumzulaufen. "Verlier Deinen Freund nicht auf der Straße!" Hier wuchs Goody auf. Die Kehrtwende symbolisiert die Überfahrt auf der Tower Bridge.

Goodys Kehrtwende kam mit dem Einzug der unterbezahlten Zahnarzthelferin bei "Big Brother" im Jahr 2002. In den mit Überwachungskameras gespickten Mauern der Fernsehshow trotzte sie ihrem bisherigen Leben, wurde aber wegen ihrer Unwissenheit zum Gespött der Nation. Sie dachte zum Beispiel ernsthaft, Saddam Hussein sei ein Boxer. Die Voyeure verfolgten auch, wie sie das Tabu Sex in aller Öffentlichkeit brach. Ein zweiter Aufenthalt im Container brachte ihr wegen rassistischer Äußerungen den Titel "Meistgehasste Britin" in der Boulevardpresse ein. Als Wiedergutmachung zog sie in das indische "Big Brother"-Haus ein, wo sie und Millionen Zuschauer live von der Krebsdiagnose erfuhren.

Mit der öffentlichen Beerdigung bricht Goody wieder Tabus. Der Star der Unterschicht zelebrierte das Sterben in der Gemeinschaft. Die Briten sprechen jetzt über Pietät und Tod, der jeden jederzeit treffen kann. Goody hat es getroffen, weil sie sich bei ungeschütztem Sex mit Viren infiziert hat. Eine Früherkennung hätte das festgestellt. "Ich bin kein verdammter Idiot", sollen dem Boulevardblatt "Daily Star" zufolge ihre letzten Worte gewesen sein.

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