Ärzte Zeitung online, 01.04.2009

Deutscher im Container zum Mars

MOSKAU (dpa). Ein bemannter Mars-Flug steht zwar in den Sternen, aber seit Dienstag trainiert der Deutsche Oliver Knickel mit fünf Kollegen in Moskau für die über 50 Millionen Kilometer weite Reise (wie berichtet). Die sechs Männer in blauen Overalls kletterten zwei Stufen hinauf, winkten noch einmal, dann schloss sich hinter ihnen eine Stahltür - bis Mitte Juli, wenn es nach Wissenschaftlern geht.

Bis dahin sollen die Teilnehmer des Isolationsexperiments, darunter Bundeswehr-Hauptmann Knickel, genau 105 Tage lang den Flug zum Mars simulieren.

Der Test mit dem 28-Jährigen sowie vier Russen und einem Franzosen soll neue Erkenntnisse bringen für eine vielleicht in ferner Zukunft mögliche Mission. Das Moskauer Experiment fasst die wichtigsten Schritte einer solchen Reise zusammen, die in der Realität fast zwei Jahre dauern könnte.

Im Moskauer Institut für biomedizinische Probleme (IBMP) ist in dem röhrenförmigen Nachbau wenig Platz für privates Gepäck. Knickel nahm unter anderem den Roman "Doktor Schiwago" und eine Sonnenblume mit - "etwas Fröhliches".

Forscher fühlen der Crew auf den Zahn

Die Forscher wollen der Crew ordentlich auf den Zahn fühlen, und das wörtlich. "Unter den medizinischen Versuchen, die wir simulieren, ist das Einsetzen einer Plombe", sagt IBMP-Mitarbeiter Jewgeni Djomin. Auch werde einer der Männer zu einem bestimmten Zeitpunkt "kaltgestellt", damit die Besatzung den Ausfall eines Mitglieds trainieren kann.

Wie bei "Big Brother" übertragen Kameras in dem fensterlosen Container das Geschehen in einen benachbarten Kontrollraum, jedoch werden Gespräche nicht mitgehört. Unter anderem überwachen Experten der Universität Erlangen den Alltag der Crew.

Knickel hat in den vergangenen Tagen "vor allem ausgeschlafen". Der sonst in Eschweiler bei Aachen stationierte Soldat, der sich für das Experiment gegen 5600 Bewerber durchsetzte, sieht die Besatzung nach wochenlangen Vorbereitungen als "eingeschworene Gemeinschaft".

Mit Gitarre und Mundharmonika gegen Lagerkoller

Auch einer der russischen Teilnehmer, der Biochemiker Sergej Rajasanski, glaubt nicht an einen "Lagerkoller". Notfalls könne man sich ja an Blechbüchsen austoben, auf denen man wie auf einem Schlagzeug trommeln könne. "Mit der Gitarre und der Mundharmonika, die wir an Bord haben, ergibt das eine kleine Band", meinte der 34-Jährige.

An dem Experiment beteiligen sich auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie die Europäische Weltraumbehörde ESA, die zu den Gesamtkosten von fast 15 Millionen Euro rund 2 Millionen beitragen. Wichtig sei vor allem das psychologische Training, betont DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner. "Sie müssen bedenken: Anders als bei einer Reise zum Mond gerät bei einem Mars-Flug die Erde aus dem Blick der Astronauten." Niemand könne die Folgen vorhersagen, wenn statt des blauen Heimatplaneten nur noch schwarzes All zu sehen sei. "Es wäre doch fahrlässig, eine solche Mission nicht zu trainieren."

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