Ärzte Zeitung, 15.04.2009

Wenn Musikern das Ende der Karriere droht

Werden kranke Musiker nicht rechtzeitig behandelt, stehen sie nicht selten vor dem beruflichen Aus. Ärzte der "Forschungsgruppe Musikermedizin" wollen die Versorgungssituation verbessern.

Von Denis Nößler

Wenn Musikern das Ende der Karriere droht

Neurologische Beschwerden durch ständig wiederkehrende Bewegungsabläufe sind unter Musikern keine Seltenheit.

Foto: Eric Limon©www.fotolia.de

Musiker zu sein ist ein richtiger Knochenjob, meint der Berliner Allgemeinmediziner Dr. Friedrich Molsberger. In vielerlei Hinsicht seien sie ähnlich stark belastet wie Sportler. Die Folge: Ein Großteil der Musiker klagt über Beschwerden des Bewegungsapparates. Werden diese Leiden chronisch, steht für die Betroffenen schnell die Existenz auf dem Spiel. So zum Beispiel beim Pianisten, der wegen einer neurologischen Störung seine Finger nicht mehr richtig bewegen kann. Oder bei der Sängerin, die regelmäßig unter grippalen Infekten leidet und immer wieder Proben und Aufführungen absagen muss.

Für Molsberger ist deshalb die Medizin aufgerufen, diese Berufsgruppe mit speziellen Angeboten anzusprechen. Ärzte sollten gezielter auf die Bedürfnisse von Musikern und Sängern eingehen, wünscht er sich. Wichtig ist Molsberger vor allem der Vertrauensaspekt: Häufig hätten Musiker nur geringes Vertrauen zu ihren behandelnden Ärzten. Eine Studie aus den 90er Jahren habe ergeben, dass fast 70 Prozent der Musiker den Rat ihres Arztes nur selten oder gar nicht befolgen, berichtet er. Behandlungskonzepte müssten den Patienten besser erläutert werden, resümiert Molsberger, der selbst viele Jahre Bass-Solist an der Deutschen Oper war.

Mit Kollegen gründete er die "Forschungsgruppe Musikermedizin". Dort wolle man voneinander lernen, so Molsberger. Im ersten Schritt soll ein Curriculum entwickelt werden. Typische Erkrankungen bei Musikern und Behandlungsstrategien sollen diskutiert werden. Zukünftig seien dann Weiterbildungskurse für Ärzte denkbar.

Der Verein formuliert seine Ziele so: "Musikererkrankungen erforschen und die Versorgungssituation von Musikern durch gezielte Ausbildung der Ärzte verbessern."

Typische Musikererkrankungen sind Überlastungssyndrome.

Noch ist die Musikermedizin ein vergleichsweise junges Forschungsfeld. In der Publikationsdatenbank "Medline" sind, je nach Suchbegriff, nur etwa 300 Veröffentlichungen dazu gelistet.

Dabei liegen die Wurzeln der Disziplin in Deutschland. Bereits 1923 erhielt der deutsche Neurologe Kurt Singer (1885-1944) einen Lehrauftrag an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin. 1926 folgte seine Publikation über "Die Berufskrankheiten von Musikern". Jahrzehnte später, in den 80er Jahren, wurde die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM) gegründet. Darauf folgten Gründungen mehrere Institute, die sich mit der Disziplin beschäftigen.

Grundsätzlich haben Musiker die gleichen Leiden wie andere Berufsgruppen auch. "Das geht quer durch alle Fachbereiche", weiß Molsberger. Häufig seien jedoch Überlastungssyndrome des Bewegungsapparates. Aber auch neurologische Beschwerden oder psychische Störungen sind laut Molsberger typisch. Dementsprechend bunt gemischt sind auch die Fachbereiche der Vereinsmitglieder - von der Allgemeinmedizin, über die Orthopädie bis hin zur traditionellen chinesischen Medizin.

Noch steckt die "Forschungsgruppe Musikermedizin" in den Kinderschuhen. Gegründet wurde sie Ende November des vergangenen Jahres. Bislang zählt der Verein etwa 20 aktive Mitglieder. "Wir sind aber am wachsen", sagt Molsberger, der 1. Vorsitzender ist.

Die Schirmherrschaft hat Lothar de Maizière übernommen, der letzte Ministerpräsident der DDR. Nach seinem Musikstudium spielte er als Bratschist in verschiedenen Orchestern. Die Nöte der Musiker kennt er aus eigener Erfahrung: Er musste seine Karriere aus gesundheitlichen Gründen beenden.

Molsberger nennt es "die Liebe zur Sache" und meint damit die Musik, für die er sich als Arzt und passionierter Musiker engagiert. Für die Zukunft wünscht er sich, dass der Verein weiterwächst und bald Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet als Mitglied zählt.

www.musikermedizin.info

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