Ärzte Zeitung online, 08.04.2009

Fitness-Training für 100-jährige Riesenschildkröte in Wien

WIEN (dpa). Schurli, die Seychellen-Riesenschildkröte, hat schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel. Trotz des hohen Alters erhält der älteste Bewohner des Wiener Tiergartens Schönbrunn jetzt Fitness-Training. Das Training ist Grundlage für ein Forschungsprojekt, das gemeinsam von einem Wissenschaftler des Wiener Zoos und einer Biologin der Jerusalemer Universität begleitet wird.

Noch liegt das Schildkrötenmännchen mit seinem mächtigen Panzer träge am Boden seines Geheges. Dann sieht es Tierpfleger Roland Halbauer und weiß Bescheid: Die Fitness-Stunde beginnt.

Schurli wuchtet seinen 200 Kilogramm schweren Körper in die Höhe und schiebt sich mit seinem stämmigen Beinen nach vorne zum Trainingsgerät, einem Ball an einem langen Stock, den Halbauer ihm hinhält. Ein kleiner Stups mit dem Kopf gegen den Ball und der Trainer signalisiert durch ein Klicken, dass sein Handeln richtig war. Als Belohnung gibt es eine knackige Karotte. Im Zoo Schönbrunn trimmt sich Schurli mit sechs weiteren Riesenschildkröten.

"Mit Reptilien zu trainieren, beginnt erst jetzt in vielen Zoos", erläutert Anton Weissenbacher, Zoologischer Kurator des Tiergartens Schönbrunn. Die Bewegung der Tiere bringe ein wenig Abwechslung in den tristen Zoo-Alltag. In freier Wildbahn seien die Tiere wesentlich aktiver: "Riesenschildkröten legen normalerweise kilometerweite Strecken zurück, um an Nahrung zu gelangen." Auch um sich in der Wildnis vor dem Austrocknen zu schützen und ein geeignetes Schattenplätzchen zu finden, seien sie häufig stundenlang unterwegs.

Die Pfleger üben täglich mit Bällen unterschiedlicher Farben. Die Panzertiere lernen dadurch, nur auf jeweils eine zu reagieren. "Wir haben herausgefunden, dass die Schildkröten Farben unterscheiden können." Ob sie die Farben aber tatsächlich erkennen oder nur Hell- Dunkel-Abstufungen wahrnehmen, sei unklar. Die Biologin Tamar Gutnick von der Jerusalemer Hebrew University und der wissenschaftliche Mitarbeiter des Aquarien-Terrarienhauses, Michael Kuba, wollen herausfinden, wie gut die Tiere Farben erkennen und wie schnell sie neue Aufgaben erfassen.

Die Beschäftigung der Tiere hat noch einen weiteren praktischen Nutzen. Pflegearbeiten und medizinische Maßnahmen werden erleichtert. Beispielsweise können die Tiere ohne Betäubung geimpft werden.

Ob Schurli und seinen Reptilien-Freunden das Fitness-Training so viel Spaß macht wie den Trainern, ist ungewiss. In den knittrig-faltigen Gesichtern sind Emotionsregungen kaum zu erkennen. Ein röchelndes Geräusch könne man jedoch als solches interpretieren, sagt der Trainer. Auf jeden Fall mache die Belohnung glücklich.

Neben den Riesenschildkröten trainieren die Pfleger auch die großen, olivgrünen Echsen Krokodiltejus - allerdings aus anderem Grund. Bei ihnen soll das Training künftig für Frieden sorgen. Bis vor kurzem hat ein Krokodilteju-Weibchen regelmäßig die gesamte Ration Schnecken verspeist, die eigentlich für alle Gehege-Bewohner vorgesehen war. Damit künftig alle satt werden, erlernen sie zurzeit in Einzelkäfigen, auf die Bälle zu reagieren. Langfristig sollen sie dann im gemeinsamen Terrarium einzeln gefüttert werden können.

Von Juni an können Zoobesucher in Wien beim Training der Riesenschildkröten zuschauen.

www.zoovienna.at

Topics
Schlagworte
Panorama (30502)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Künstliche Herzklappe raubt oft den Schlaf

Fast ein Viertel aller Patienten mit einer mechanischen Herzklappe klagt über Schlafstörungen. Die Ursache hat eine einfache Erklärung. mehr »

Das sind die Wünsche an die neue Weiterbildung

Am Freitag steht die Musterweiterbildungsordnung auf der Agenda des Deutschen Ärztetags. Wir haben dazu drei junge Ärzte und den BÄK-Beauftragen Bartmann befragt. mehr »

"Sportlich, unrealistisch, überkommen"

Am Donnerstagnachmittag debattiert der Deutsche Ärztetag über die GOÄ-Novellierung. Unsere Video-Reporter haben sich vorab dazu umgehört. mehr »