Ärzte Zeitung online, 09.04.2009

Türkei jagt Alkoholpanscher in Urlaubsgebieten

ISTANBUL (dpa). Die türkische Tourismusbranche gerät nach dem Tod dreier junger Deutscher, die nach dem Genuss gepanschten Alkohols an Methanolvergiftungen starben, in Schwierigkeiten. In Schreiben an die Behörden forderte der türkische Hotelierverband (TÜROFED) am Mittwoch scharfe Kontrollen gegen die Verbreitung illegal gebrannten Schnapses.

Es müsse härteste Strafen "ohne Ansehen der Person geben", verlangt der Vorsitzende der Organisation, Ahmet Barut. Die hohe Alkoholsteuer in der Türkei sei allerdings einer der Gründe dafür, warum Gastwirte sich aus dubiosen Quellen bedienen, stellte er fest.

Bedrullah Ercin, ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums in Antalya, legte am Mittwoch besorgniserregende Zahlen auf den Tisch. Demnach gab es in Hotels der bei Urlaubern beliebten Region am Mittelmeer seit 2005 mehr als 2300 Kontrollen. In 229 Fällen wurden Strafen verhängt. 24 Hoteliers kam vor Gericht. Ermittler stellten in Hotels, Restaurants und Geschäften 264 000 Flaschen mit illegalem Alkohol sicher. Diese enthielten bei weitem nicht alle giftiges Methanol, doch steigt die Gefahr bei Schwarzmarktgeschäften deutlich.

Am Mittwoch begannen in Kemer, wo die deutsche Schülergruppe im Hotel Anatolia Beach abgestiegen war, schärfere Kontrollen. Die Landwirtschaftsbehörde hat zusammen mit Steuerfahndern und der Polizei ein Team gebildet, um den Sumpf der Schwarzbrennerei trockenzulegen. Am 15. April soll es in der Provinzhauptstadt Antalya ein Krisentreffen von Hoteliers geben, bei dem es um das Alkoholproblem geht.

In den ersten Tagen nach dem tödlichen Zwischenfall konnte der Eindruck entstehen, dass die Türkei das Problem nicht ernst genug nimmt. Der Schülergruppe wurde vorgeworfen, sich sinnlos betrunken und dabei womöglich auch giftiges Parfüm zu sich genommen zu haben. Auch über illegale Drogen wurde berichtet. Und reflexartig vermuteten Teile der türkischen Presse eine deutsche Kampagne.

Inzwischen sind drei Verdächtige festgenommen worden, darunter zwei Manager des Hotels Anatolia Beach. Nach dem mutmaßlichen Lieferanten des im Hotel gekauften Alkohols wird noch immer per Haftbefehl gefahndet. Er ist offenbar kein unbeschriebenes Blatt und soll bereits im vergangenen Jahr festgenommen worden sein, weil er illegalen Alkohol verkauft habe, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwoch.

Es sind nun vor allem die Stimmen aus der türkischen Tourismusbranche selbst, die ein schärferes Vorgehen fordern. Im vergangenen Jahr wurde mit mehr als 30 Millionen Touristen ein Urlauber-Rekord in der Türkei verzeichnet. Die Touristen spülten 22 Milliarden US-Dollar (etwa 17 Milliarden Euro) ins Land.

Die Hotels dürften nicht an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, warnte der Vorsitzende des Hotel-Verbandes (AKTOB), Sururi Corabatir. Auch er forderte stärkere Kontrollen gegen den Verkauf von schwarzgebranntem Alkohol. "Niemand hat das Recht, wegen ein paar Cent mit der Gesundheit der Menschen zu spielen", sagte er.

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