Ärzte Zeitung online, 19.04.2009

Zehn Jahre Columbine: Die Ratlosigkeit bleibt

WASHINGTON (dpa). Zehn Jahre ist es her, dass beim Columbine-Massaker an einer Highschool in Littleton 15 Menschen starben. Geblieben ist Ratlosigkeit. Noch heute versuchen sich Experten daran, Fragen nach dem Warum zu beantworten.

Gleich drei neue Bücher sind zum traurigen Jubiläum in den USA auf den Markt gekommen. Sie räumen mit Fehlinformationen auf, falschen Mythen, aber wirkliche Antworten geben auch sie nicht. Dass sich jener blutige Schrecken an einer US-Schule inzwischen wiederholt hat, auch in Deutschland, zuletzt am 11. März in Winnenden, macht die Hilflosigkeit noch deutlicher - nicht nur in den USA.

Vor dem 20. April 1999 war Littleton im US-Staat Colorado ein kleiner unbedeutender Fleck auf der Landkarte und die Columbine High School eine ganz gewöhnliche Schule. Das änderte sich um 11.10 Uhr an jenem Tag schlagartig, als der 18-jährige Eric Harris und der ein Jahr jüngere Dylan Klebold in schwarze Trenchcoats gehüllt das Feuer auf Mitschüler und Lehrer eröffneten. Vier Mädchen und acht Jungen verloren ihr Leben, auch ein Lehrer starb im Kugelhagel. Er war ein Held, schildern Überlebende später, wurde tödlich getroffen, als er Schüler zu schützen versuchte. 23 Menschen wurden verletzt. Nach ihrem Amoklauf erschossen sich Harris und Klebold selbst.

Nach und nach erfuhr die entsetzte Öffentlichkeit, dass es sogar noch hätte schlimmer kommen können. Mit diabolischer Genauigkeit hatten die beiden Schüler ein Jahr lang die Bluttat geplant, mit dem Ziel, so viele Menschen zu töten wie nur möglich. Die Polizei fand in der Schule mehr als 30 selbst gebastelte Sprengsätze, manche mit Nägeln gespickt, damit auch möglichst viele Verstümmelungen verursacht werden. Auch zwei mächtige Propangasbomben hatten die Amokläufer deponiert. Sie wollten das ganze Gebäude in die Luft jagen.

Es war nicht das erste Schulmassaker: Drei Jahre zuvor hatte ein 43-jähriger Arbeitsloser im schottischen Dunblane wahrscheinlich aus Rache für seine Ausgrenzung als Jugendbetreuer 16 Grundschüler im Alter von fünf und sechs Jahren sowie eine Lehrerin erschossen. Aber in Littleton waren es zwei Schüler, Jungen, die an der Seite von anderen tagtäglich die Schulbank drückten und zu Monstern wurden, ohne dass es jemand ahnte oder davon Notiz nahm. "Sie sagten Kuckuck, und dann schossen sie auf alles, was sich bewegte", schilderte eine Mitschülerin die unerhörte Kaltblütigkeit der beiden.

Den zweifelhaften Ruhm, den sie sich erhofften, erlangten sie auch - und spornten damit Nachahmer an. Lange Zeit machte der Amoklauf von Littleton auch im Ausland Schlagzeilen, überboten sich Experten in den Medien mit Täter-Analysen: Sie sollen Mitglieder der obskuren "Trenchcoat-Mafia" und Anhänger des "Gothic"-Kults mit satanischen Auswüchsen gewesen sein. Besonders die athletische "Elite" an der Schule habe sie als Sonderlinge und Schwächlinge verhöhnt. Sie liefen an Hitlers Geburtstag Amok - deshalb sollen sie Neonazis und Rassisten gewesen sein.

Nichts davon gab am Ende klar eine Antwort auf das Warum, allenfalls waren es Puzzleteile. Die Jungen hatten eher lose Verbindungen zur "Trenchcoat-Mafia", trugen am Tattag ihre Mäntel wohl zum Verbergen der Waffen, sie schossen wahllos, nicht gezielt auf Schwarze oder auf Spitzenathleten unter ihren Mitschülern, wird beispielsweise in einem neuen Buch herausgestellt. Und: Sie waren zwar nicht sonderlich beliebt, aber hatten durchaus auch Freunde.

Diese augenscheinliche Normalität macht das Ganze nur noch erschreckender. Hunderte Zeugen sind verhört worden, die Computer der Täter durchforstet, die Eltern gebrandmarkt, weil sie nicht wussten, was in ihren Söhnen vor sich ging, dass sie sich in ihrer Freizeit mit Massaker-Planungen beschäftigten. Die Polizei kam an den Pranger, weil sie einem Hinweis auf die Gewaltbereitschaft der Teenager nicht genug nachging, die Lehrer, weil es auch im Unterricht Anzeichen für den aufgestauten Hass der beiden gegeben haben soll. Die dunkle "Gruftie"-Musikszene wurde mitverantwortlich gemacht, die Gewalt in Hollywood-Filmen und Videospielen. Und die Begeisterung der Amerikaner für Schusswaffen, lasche Gesetze mit Schlupflöchern, die es den Amokläufern leicht machten, sich ihr stattliches Schrotflinten- und Schusswaffenarsenal zu beschaffen.

Seitdem sind an vielen US-Schulen und Universitäten die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden und auch einige US-Waffengesetze, wird stärkeres Augenmerk auf die Früherkennung von Warnzeichen gelegt. Eltern sollen mehr mit ihren Kindern reden und sich darum kümmern, was sie in ihrer Freizeit tun. Und es gab auch den preisgekrönten Michael-Moore-Film "Bowling for Columbine", der sich mit der amerikanischen Waffen-Vernarrtheit beschäftigt. Er kam 2002 in die Kinos, kurz nach dem Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit 17 Toten, fünf Jahre vor dem Amoklauf eines Studenten auf einem Uni-Campus in Virginia mit 32 Mordopfern und sieben Jahre vor dem Schulmassaker von Winnenden. Die Ratlosigkeit ist geblieben.

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