Ärzte Zeitung, 06.05.2009

Humanist und berühmter Naturforscher

Er gilt als Universalgenie und Kosmopolit, als Gelehrter und Mäzen, der Naturforscher Alexander von Humboldt - ein Porträt zu seinem 150. Todestag.

Von Ulrike von Leszczynski

Ein Denkmal vor der nach ihm benannten Humboldt-Universität zu Berlin erinnert an den großen Naturforscher.

Foto: imago

Ein Kaktus, eine Pinguinart, Berge, Gewässer, Universitäten, Stiftungen und ein Asteroid - es gibt vieles, das nach Alexander von Humboldt benannt ist. In fast allen Lebensbereichen hat der berühmte Naturforscher, der vor genau 150 Jahren - am 6. Mai 1859 - in Berlin starb, seine Spuren hinterlassen. Nicht weniger faszinierend bleibt Humboldt als Abenteurer. Er bestieg hohe Berge, paddelte auf Urwaldströmen oder fuhr mit Pferdekutschen von Berlin bis an die chinesische Grenze. Kein Wunder, dass er Forschung und Medien bis heute auf Trab hält.

Als kleiner Beleg für die Faszination reicht ein Blick in die Berliner Humboldt-Universität. Dort sucht ein Biophysiker gerade Hobbybergsteiger, die mit ihm auf den rund 6000 Meter hohen Vulkan Chimborazo in Ecuador klettern. Die Aktion ist kein Zufall, sondern eifert Humboldt nach, der es 1802 trotz blutender Lippen und Schwindel fast bis auf den Gipfel schaffte - lange, bevor es Trekking-Ausrüstungen gab.

Experimente mit einer Grubenlampe

Wenn viele Deutsche Alexander von Humboldt heute für einen leicht verschrobenen, weltfremden Querkopf halten, hat das wohl etwas mit Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" zu tun. Mancher Wissenschaftler mag diese literarische Fiktion nicht. Kehlmann habe Humboldt einseitig nach einem überholten Klischee gezeichnet, sagt Ingo Schwarz von der Berliner Akademie der Wissenschaften.

Für Schwarz ist Humboldt ein "außerordentlich vielseitiger Mensch und Naturforscher" und im Sinne der Aufklärung umfassend gebildet. Zunächst arbeitete er als preußischer Bergbauingenieur. Um die Produktivität zu steigern, gründete er eine Schule für Bergleute und entwickelte eine Grubenlampe. Sie brannte auch in sauerstoffarmer Luft und beleuchtete Rettungstrupps den Weg. Bei Experimenten mit seiner Lampe kam er beinahe ums Leben.

Weltreisender wurde Humboldt erst, als er 1796 ein großes Vermögen erbte. Fast drei Jahre plante er seine Expedition nach Amerika. Er kaufte die besten Messinstrumente seiner Zeit. "Zuerst eine Karte, gegründet auf sichere Beobachtungen, damit man sich orientieren könne", lautete seine Maxime. "Selbst erleben, selbst erleiden" gehörte auch zu seinem Credo - von der Höhlenforschung bis zum Blick in die Sterne.

Typisch für Humboldt war seine Herangehensweise an die Natur: Mineralogie, Botanik, Geografie, Klimaforschung, Meteorologie und sogar politische Ökonomie - für ihn gab es keine feste Trennung zwischen den Disziplinen. "Beim Goldrausch in Kalifornien hat er gleich darüber nachgedacht, ob große Goldfunde den internationalen Geldverkehr aus dem Gleichgewicht bringen können", berichtet Forscher Schwarz. Große Entdeckungen hat Humboldt zwar nicht gemacht, doch er sammelte unermüdlich Messdaten und prüfte sie auf deren Gesetzmäßigkeiten.

Ein geschätzter Wissenschaftler

Heute schätzen Wissenschaftler den Naturforscher Humboldt auch als großen Humanisten. Denn mit seinem vorurteilsfreien Denken war er seiner Zeit weit voraus. Klassenunterschiede zählten für ihn herzlich wenig. Für Antisemitismus hatte er kein Verständnis, und was man heute Rassismus nennt, war Humboldt selbst völlig fremd. Kolonialherrschaft und Sklaverei gingen ihm gegen den Strich.

Doch es gibt auch Widersprüchlichkeiten in seinem Wesen: Trotz seiner liberalen und demokratischen Überzeugungen stand Humboldt dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. sehr nahe. Und dabei ging es nicht allein um seine fürstliche Entlohnung als königlicher Kammerherr und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

Spätestens seit seiner Amerikareise war Humboldt eine Ikone, bekannt wie heutzutage Popstars. Sein Unterhaltungstalent nutzte er auch außerhalb von Hof und Akademie. Seine Berliner Kosmos-Vorlesungen wurden zum Gesellschaftsereignis für jedermann. Und sein guter Ruf reichte noch viel weiter. "Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen", schwärmte sein berühmter Zeitgenosse, der Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Und Simón Bolívar, der lateinamerikanische Unabhängigkeitskämpfer, schrieb etwa, Humboldts Weisheit erweise Amerika mehr Wohltaten als alle seine Eroberer.

Humboldts Privatleben indes bleibt beinahe so undurchdringlich wie der Nebel in den Anden. Bekannt ist allerdings das gute Verhältnis zu seinem Bruder Wilhelm. Über eine Beziehung zu Frauen ist hingegen kaum etwas bekannt. Er heiratete nie. Manche vermuten, Humboldt sei homosexuell gewesen. Forscher Schwarz zuckt mit den Schultern. "Humboldts Privatleben birgt einige Geheimnisse, die wir respektieren sollten", sagt er. Humboldts Testament jedenfalls ist ungewöhnlich: Sein Hab und Gut vermachte er vollständig seinem Diener.(dpa)

Vom Offizierssohn zum Forschungsreisenden

Er starb kurz vor Vollendung seines 90. Lebensjahres. Alexander von Humboldt kam am 14. September 1769 in Berlin zur Welt. Sein Vater, Alexander Georg von Humboldt, war preußischer Offizier, seine Mutter Marie Elisabeth stammte aus einer französischen Hugenottenfamilie. Alexander galt weniger begabt als sein älterer Bruder Wilhelm. 1789 begann er jedoch Chemie und Physik in Göttingen zu studieren. Kurz darauf kam er nach Mainz und bereiste Städte wie Brüssel, Amsterdam und Paris. Ab 1791 studierte er Bergbau im sächsischen Freiberg. Nach dem Tod seiner Mutter und einem beträchtlichen Erbe entschied er sich, die Welt zu bereisen. Am 5. Juni 1799 brach er zu seiner berühmten Reise nach Amerika auf. (nös)

www.humboldt-im-netz.de

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