Ärzte Zeitung online, 06.05.2009

Joints für Millionen: Riesen-Drogenanbau verblüfft Justiz

ARNSBERG (dpa). Der größte Fall von Cannabis-Anbau in der Geschichte der Bundesrepublik - seit fast zwei Jahren beschäftigt er die Justiz im nordrhein-westfälischen Arnsberg. Ein Dutzend Haupttäter und eine Vielzahl von Helfern sollen von 2000 bis 2007 insgesamt 2,6 Tonnen Marihuana produziert haben.

Als "hoch professionell" bezeichnen Ermittler die Bande, deren Treiben nur durch Zufall aufgedeckt wurde. Einige Bandenmitglieder wurden bereits zu Strafen zwischen drei und knapp sieben Jahren Haft verurteilt. An diesem Donnerstag beginnt vor dem Arnsberger Landgericht der siebte Prozess gegen einen 41 Jahre alten Mann aus Hessen.

"Ohne das Hochwasser und Kommissar Zufall in Form der Feuerwehr wäre das nie aufgefallen", sagt der Arnsberger Oberstaatsanwalt Rainer Hummert, der die Ermittlungen gegen die Bande leitet. Im August 2007 drohte Starkregen eine Fabrikhalle im sauerländischen Sundern-Hachen unter Wasser zu setzen. Feuerwehrleute wollten den Strom abstellen und stießen dabei auf getrocknete Cannabis-Pflanzen. Die Polizei stellte 150 Kilogramm Drogen sicher und nahm zunächst zwei Männer fest.

Doch damit war nur die Spitze eines Eisberges angekratzt. Die Ermittler fanden einen Kontoauszug über eine Stromrechnung für eine Fabrikhalle in Hessen. Während die Drogen-Produktion im Sauerland schon fast geräumt war, stießen die Ermittler in Rodgau-Jürgesheim auf eine 2000 Quadratmeter große Halle, in der mehr als 2000 Cannabis-Pflanzen im künstlich erzeugten Wind wogten. "Wie ein Kornfeld", sagt der Oberstaatsanwalt.

"Das hat eine bisher nicht gekannte Qualität." Sowohl was die Professionalität der Zucht mit Computer-gesteuerter Bewässerung, Beleuchtung und Lüftung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro angeht, als auch im Bezug auf den hohen Wirkstoff-Gehalt von mehr als elf Prozent. "Was die Natur nicht bringt, kann man in einer solchen Aufzuchthalle optimieren." Die 2,6 Tonnen Drogen, die der Bande zur Last gelegt werden, reichen für rund 43 Millionen Konsumeinheiten, rechnet Hummert vor. "Theoretisch wäre das für jeden Einwohner Polens ein Joint."

Insgesamt neun Fabrikhallen vor allem im Raum Frankfurt und Offenbach hatte die Bande im Laufe der Jahre angemietet. Bis zu drei Mal pro Jahr wurde geerntet. Nach spätestens zwei Jahren wurde der Standort gewechselt: "Dann bestand die Gefahr, dass Nachbarn oder Behörden zu neugierig wurden." Offiziell wurden in den Fabrikhallen "dubiose Lichtexperimente" durchgeführt, auch um die hohen Stromrechnungen und die Verdunklung der Fenster zu rechtfertigen.

"Die haben sich Erntehelfer aus Kroatien geholt", sagt Hummert. Allerdings seien den Helfern einige Kilometer vor den Hasch-Fabriken die Augen verbunden worden, um zu verhindern, dass jemand den genauen Standort kennt. "Sie bekamen weiße Overalls an, mit Nummern auf dem Rücken, damit sich niemand mit Namen ansprach."

Die Bande rund um den mutmaßlichen Drahtzieher aus Frankfurt, der auf dem Balkan untergetaucht sein soll, war vorsichtig. "Die haben sich zum Teil schon aus der Kindheit gekannt, von außen kam da so schnell keiner rein", sagt Hummert. Die allesamt nicht vorbestraften Haupttäter gönnten sich großzügige Monatsgehälter und Prämien.

Nach ersten Zuchterfolgen im Keller oder auf Dachböden wurden die Anlagen immer größer. Die Ernten wurden später maschinell in Ein-Kilo-Beutel verpackt. Dann übergab man die Drogen dem in den Akten als "Finanzminister" bezeichneten mutmaßlichen Stellvertreter der Bandenchefs. Er war nach Entdeckung der Cannabis-Fabriken nach Thailand geflohen und dort von Zielfahndern des BKA ausfindig gemacht worden. Wie und an wen dieser "Finanzminister" die Drogen weitergab, haben die Ermittler auch fast zwei Jahre nach dem Zufallsfund in der Fabrikhalle noch nicht herausgefunden.

Topics
Schlagworte
Panorama (30155)
Krankheiten
Suchtkrankheiten (4122)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »