Ärzte Zeitung, 27.05.2009

Schönheitswahn zur Primetime

Wo andernorts Superstars und Topmodels gesucht werden, zeigt RTL II, dass Schönheit wichtig ist.

Von Pete Smith

"Extrem schön!" macht aus hässlichen Entlein stolze Schwäne.

Foto: RTL II

"Nie", so versichert die 46-jährige Kirsten, "würde ich das irgendjemandem zeigen, wie das aussieht" - selbst ihren Töchtern nicht. "Das" ist ihr Mund ohne Gebiss, "das" ist auch ihr nackter Körper, an dem die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen ist. Kaum sind ihre Worte in der Welt, wechselt das Bild und zeigt "das": Kirsten zahnlos, Kirsten nackt, Bilder fürs Millionenpublikum und zur besten Sendezeit Viertel nach acht.

Es ist diese Szene im neuen RTL-II-Format "Extrem schön!", die die Scheinheiligkeit jener Sendung entlarvt, die ihren Protagonisten "ein neues Leben" verspricht. Die Idee ist nicht neu: In jeder Folge verwandeln sich vor den Augen der Zuschauer zwei hässliche Entlein in stolze Schwäne - wobei Schönheitschirurgen, Zahnärzte, Kieferorthopäden und Stylisten ihr Bestes geben.

Wie bei der 19-jährigen Melanie. Sie leidet unter ihrer krummen Nase, ihren schiefen Zähnen und ihrem kleinen Busen. Seit ihrer Kindheit wird sie wegen ihrer Hakennase gehänselt. Ihr kleiner Bruder mag nicht länger zusehen. Frohgemut wendet er sich an "RTL II". Der Gutschein, dargereicht auf einem Billardtisch, rührt das arme Mädchen zu Tränen.

Entblößung und Intimes verklärt als Nächstenliebe

Überhaupt wird in "Extrem schön!" extrem viel geweint. Aus Kummer über das eigene Aussehen, im Taumel der Metamorphose, und natürlich aus Freude über das Glück der Tochter, Mutter oder Schwester. Die jauchzende Musik tut ihr Übriges. Man kennt das - vor allem aus Castingshows, in denen sich Mr. Nobody in einen Star verwandelt. Oder aus Sendungen à la Wünsch-dir-was, die Menschen nach Jahrzehnten der Trennung wieder zusammenführen. Und doch kommt "Extrem schön!" noch schamloser daher, wird hier die Entblößung doch allen Ernstes zur Nächstenliebe verklärt.

Auch und gerade Ärzte beteiligen sich an dieser Verblendung. "Wenn ich nicht ganz dahinter stünde, würde ich das nicht machen", erklärt die Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie. "Eine medizinisch notwendige Maßnahme", findet der Kieferorthopäde. Ein anderer Kollege verzichtet auf gewählte Worte: "So einem kann man einen richtigen Push geben." Und der Zahnarzt rät der Patientin nach dem Einsetzen ihrer neuen Prothese: "Aber gut pflegen!"

Filmische Verblendung für 20- bis 30-Jährige

In den Werbepausen - die erste setzt nach zehn Minuten ein - verrät der Sender, mit wem er eigentlich sein Geld verdient. Beworben werden Pflegeprodukte, Discount-Kleidung, Handys. Die Zielgruppe muss zwischen 20 und 30 liegen. Nebenbei erfährt der Zuschauer noch, dass die Ratiopharm-Zwillinge inzwischen für "Doc Morris" werben.

Mitunter kommt "Extrem schön!" auch unfreiwillig komisch daher, was den Tränenfluss zusätzlich anregt. Etwa nach Kirstens Facelifting, als ihr der Arzt einen Spiegel vorhält und fragt, ob sie jetzt besser aussehe. "Schon", antwortet sie ohne Regung in ihrem verquollenen Gesicht. Noch mit Verband wird sie zum Zahnarzt gekarrt und wenig später landet sie erneut auf dem Operations-Tisch des Chirurgen. Der schenkt ihr zum Abschied eine neue Brust. Als die Patientin aufwacht, riskiert sie einen weiteren Blick in den Spiegel. Ihr emotionsloser Kommentar: "Da habense escht gude Abbeit geleistet." Findet auch ihre Tochter: "Total verändert, aber hammerschön."

"Extrem schön! Endlich ein neues Leben", dienstags bei RTL II um 20.15 Uhr

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