Ärzte Zeitung online, 08.05.2009

Experten: Beschämender Umgang mit Frühgeborenen in Deutschland

BERLIN (eb). Sowohl die Vermeidung von bleibenden Schäden bei untergewichtigen "Frühchen" als auch notwendige Hilfen für betroffene Familien sind in der Bundesrepublik rückständig. Das beklagten Experten beim Kongress für Geburtshilfe und Neugeborenenmedizin in Berlin. Einige Ärzte wüssten zu wenig über die richtige Betreuung Bescheid.

Professor Rainer Rossi von den Vivantes-Kliniken Berlin, einer der Präsidenten des Kongresses, wies darauf hin, dass nicht nur skandinavische Länder, sondern auch Portugal, das in dieser Hinsicht ehemals "rückständig" war, mittlerweile Deutschland überholt haben. Dies wurde möglich durch die Zentralisierung sowohl von Geburtshilfe als auch der Neugeborenenversorgung in spezialisierte und erfahrene Kliniken.

Hierzulande hingegen würde immer noch über notwendige "Mindestmengen" gestritten, ärgerte sich unter anderem Silke Mader aus Karlsfeld in Bayern, Vorsitzende der Europäischen Stiftung EFCNI zur Versorgung Frühgeborener. Mader schilderte aus eigener Erfahrung, dass einige Ärzte zu wenig über die richtige Betreuung Bescheid wissen und damit dazu beitragen, dass Eltern und Babys mehr leiden als notwendig. Auch die Umgebung reagiere oft unsensibel auf die betroffenen Familien.

Während in den meisten Ländern für Kinder, die zu früh und untergewichtig zur Welt kommen, spezielle, große Perinatalzentren gebildet wurden, wird in Deutschland immer noch darüber gestritten, welche Erfahrung und welche Qualitätsmerkmale eine Klinik aufweisen muss, um die besten Chancen für "Frühchen" zu gewährleisten. Das betonte der Spezialist Professor Michael Obladen aus Freiburg, ehemals Leiter der Neonatologie an der Charité Berlin. Nicht wenige Kliniken erfüllen die notwendigen Anforderungen nicht oder nur teilweise. Die vom gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen nun beschlossene Mindestmenge wurde von den Fachleuten in Berlin als erster, unzureichender Schritt bezeichnet.

Sabine Leitner aus Berlin, Sprecherin einer Selbsthilfegruppe, wies als Mutter eines frühgeborenen Kindes darauf hin, dass die Belastung von Familien mit kranken Kindern meist unterschätzt wird. Zwar seien die Fortschritte bei der Behandlung sowohl von kranken Neugeborenen als auch von extrem unreifen Frühchen bemerkenswert.

Die Schwerpunkte der Spitzenmedizin und der Betreuung Betroffener sollten aber teilweise anders gesetzt werden. Für die Betreuung dieser Familien müssten mehr Mittel und Personal zur Verfügung stehen. Es dürfe nicht unterschätzt werden, wie hoch die Gefahr für Entwicklungsstörungen bei stark untergewichtigen "Frühchen" ist, betonte Professor Dieter Wolke aus Coventry in Großbritannien.

Zu den Ursachen der Frühgeburtlichkeit gehören im übrigen nicht nur medizinische, sondern auch psychosoziale Faktoren, erläuterte Professor Irmgard Nippert, Frauengesundheitsforscherin aus Münster. Soziale Ungleichheit führe auch auf diesem Gebiet zu gesundheitlicher Chancenungleichheit.

Auch mehr als 40 Jahre nach Einführung der Ultraschalluntersuchungen wird in manchen Kreisen immer noch über deren Nutzen in der Geburtshilfe diskutiert und manch einer Schwangeren werden unnötige Ängste gemacht, sagte Prof. Klaus Vetter, Kongresspräsident für den perinatalmedizinischen Teil. Einmal abgesehen von der Möglichkeit, Fehlbildungen durch vorgeburtliche Dignostik zu erkennen und gegebenenfalls frühzeitig einzugreifen, ist der Ultraschall in vielen Fällen für Mutter und Kind lebensrettend. Dies gilt besonders für bedrohliche Plazentastörungen.

Der 24. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin in Verbindung mit der 35. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin mit über 2 500 Teilnehmern geht am Samstagnachmittag zu Ende.

Infos zum Kongress unter: www.mwm-vermittlung.de/perinatal09.html

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