Ärzte Zeitung, 12.05.2009

Arztbesuch nicht ohne Cello

Kranke Musiker brauchen oft eine besondere Behandlung - Hilfe gibt's in Zentren für Musikmedizin.

Von Laura Vöhringer

Zwangspause, zu starke Schmerzen? Für Orchestermusiker ist das fatal.

Foto: dpa

Wenn ein Musiker samt Cello im Wartezimmer sitzt, ist das für die Ärztin Anke Steinmetz ein ganz normaler Anblick. Ihr Patient wird ihr sogar mit nacktem Oberkörper klassische Kompositionen vorspielen - doch dabei geht es dann nur um seine Rückenmuskulatur. Am Institut für Musikermedizin Berlin-Brandenburg helfen Ärzte Profimusikern, die durch ihren Beruf schmerzhafte Gesundheitsprobleme bekommen haben: vom Muskelschmerz bis zum Bandscheibenvorfall.

Anke Steinmetz kümmert sich seit Jahren um Musiker und ihre Leiden. Sie vergleicht deren körperliche Belastung gern mit Leistungssport. Muskeln und Sehnen werden oft einseitig beansprucht. "Deshalb brauchen Musiker eine besondere ärztliche Behandlung", sagt die 37-Jährige.

Steinmetz weiß, wovon sie spricht. Sie hat Geige und Medizin studiert. Lange Zeit war sie nicht sicher, ob sie auf Dauer in der Medizin arbeiten will. "Ich habe noch Probespiele für Orchesterstellen gemacht, als ich schon als Ärztin arbeitete", erinnert sie sich. Heute kann sie beides verbinden. Und für Musiker ist es wichtig, dass die Ärztin sie versteht.

Der 39 Jahre alte Cellist im Sprechzimmer spielt seit seinem fünften Lebensjahr. Anfang Februar stand er vor einem wichtigen Konzert. Doch plötzlich streikte sein Körper. Es fing mit Rückenschmerzen an, dann konnte er seinen linken Arm nicht richtig bewegen - nichts ging mehr.

Überbelastung und Fehlhaltungen

"Das Cello" ist ein typischer Fall für Anke Steinmetz. Bei einer Überbeanspruchung können Rückenmuskeln verkrampfen und Bewegungen werden zur Qual. Viele Musiker werden erst durch heftige Schmerzen auf die Überlastung oder Fehlhaltung aufmerksam. Bei Streichern ist oft die Halswirbelsäule betroffen. Klavierspieler und Gitarristen können ihre Finger nicht mehr gezielt steuern und Bläser haben Probleme mit der Mundmuskulatur. Auch Lampenfieber und Aufführungsangst seien nicht selten, so Steinmetz. Kranken Musikern sitzt oft die Existenzangst im Nacken. Chronische Schmerzen können sogar die Berufsunfähigkeit bedeuten. Deshalb seien Musiker bei Therapien besonders motiviert.

"Haben Sie schon mal mit einem Knickstachel gespielt?", fragt sie den Cellisten nach der speziellen Instrumentenstütze. Das Gespräch kreist nun um eine entspannte Sitzhaltung beim Spielen. Vom Orthopäden, bei dem der Patient zuvor war, fühlte er sich längst nicht so gut beraten.

Vorsorge fängt bereits in der Kindheit an

Der Bedarf an Fachbetreuung ist nicht klein. In Deutschland gibt es nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung mehr als 10 000 Musiker allein im Orchesterbetrieb. Neben bekannten Zentren für Musikermedizin in Hannover und Dresden bieten Einrichtungen in München, Berlin, Frankfurt und Freiburg ihre Dienste an. Meistens sind sie an Musikhochschulen angesiedelt.

In Vorlesungen wird heute versucht, sowohl bei Musik- als auch bei Medizinstudenten, das Bewusstsein für Gesundheitsprobleme von Musikern zu schärfen. "Vorsorge ist wichtig", sagt Steinmetz. Der Grundstock werde bereits in der Kindheit gelegt. Wer hier nicht auf eine richtige Haltung beim Spielen und die passende Instrumentengröße achte, könne später unangenehme Folgen spüren.

Beim Cellisten hatte die Behandlung schon Erfolg. Sein Arm hat sich durch Ruhephasen, Physiotherapie und Muskelaufbau so gut erholt, dass er wieder spielen kann. Ein Biofeedbackgerät, das die Muskelspannung misst, verrät ihm, wenn er zu sehr verkrampft. Das Gerät piept dann schrill. Das Üben muss der Cellist nun neu üben - das Orchester wartet schon auf ihn. (dpa)

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