Ärzte Zeitung, 19.10.2009

Für Ratten kann Haschisch eine Einstiegsdroge sein

Von Christian Beneker

Wenn Nager als junge Tiere Cannabis konsumieren, entwickelt ihr Hirn ein überaktives Belohnungssystem.

BREMEN. Die Hirne erwachsener Ratten zeigen nach Cannabis-Konsum laut den Erkenntnissen des Bremer Institutes für Hirnforschung ein chronisch überaktives Belohnungssystem - sie werden süchtig. "Bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen haben wir eins und eins zusammengezählt", sagte der Neuropharmakologe Professor Michael Koch zur "Ärzte Zeitung".

Mit den Ergebnissen erweitert das Institut die Erkenntnisse aus einer Verhaltensstudie früherer Jahre. Sie zeigt, dass erwachsene Ratten unaufmerksamer, antriebsärmer und unkonzentrierter waren, wenn sie als Jungtiere Cannabis konsumiert hatten. Die Ergebnisse gehen zurück auf eine biochemische Untersuchung.

Am Institut für Hirnforschung wurde nicht nur das Verhalten der Tiere beobachtet, sondern auch ihre Hirne seziert. Die Substanz, die sich das Hirn selbst zur Belohnung verschafft, ist Dopamin. Weil einige Hirnareale aktiver sind als bei Ratten, die niemals Cannabis konsumiert haben, schlossen die Forscher auf ein gesteigertes Suchtpotenzial.

Allerdings kann man Menschen- und Rattenhirne nicht zu 100 Prozent miteinander vergleichen. "Ratten haben zwar 90 Prozent des Genoms mit uns gemein", sagte Koch, "und die Cannaboid-Rezeptoren im Rattenhirn sind zu 99 Prozent mit den unsrigen identisch." Aber die Droge wurde von den Ratten nicht, wie bei Menschen, als Rauch eingeatmet, sondern wurde den Tieren gespritzt. "Die Ratten bauen die Droge viel schneller ab." Außerdem verwendeten die Wissenschaftler ein synthetisches Cannaboid. "Als nächstes wollen wir testen, ob die chronische Veränderung im Belohnungssystem rückgängig zu machen ist", so Koch.

Dazu wollen die Bremer Wissenschaftler jungen Ratten wieder Cannabis spritzen, aber sie dann in einer "angereicherten Umwelt" aufwachsen lassen. Kurz: Man will wissen, ob das Belohnungssystem anders funktioniert, wenn das Tier nicht allein in seiner Box hockt, sondern in einem möglichst natürlich ausgestatteten und großen Käfig mit anderen Ratten herumwuselt. Koch: "Vielleicht können Tiere in natürlicher Umgebung den Drogenkonsum besser wegstecken." Die Ergebnisse könnten für den einsamen Trinker ebenso interessant sein, wie für den Single vor dem Bildschirm.

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