Ärzte Zeitung, 26.05.2009

Else Weil beklagt Regresse - im Jahr 1920

Probleme mit Kassen, Regresse - alles Themen die Ärzte heute erst belasten? Keineswegs, beweist ein Artikel, den die Ärztin Else Weil 1920 in der "Weltbühne" veröffentlicht hat.

Von Christiane Badenberg

Das Foto zeigt Else Weil als junges Mädchen. Es ist das einzige, das nach ihrem tragischen Tod in Auschwitz noch aufzufinden war.

Foto: Hentrich&Hentrich

Es mag Ärzte geben, die glauben, früher war alles viel besser. Zum Beispiel in den goldenen 20er Jahren. Ärzte konnten therapieren, wie sie es für richtig hielten, verdienten ausgezeichnet, genossen ein glänzendes Ansehen und die Kasse bezahlte, was verordnet wurde. Goldene Zeiten in den 20er Jahren? Kulturell ganz bestimmt, Ärzte aber plagten sich ganz offenbar mit ähnlichen Problemen wie heute. Das zeigt ein Text, den die Ärztin Else Weil im Juni 1920 in der Wochenzeitung "Die Weltbühne" veröffentlichte und den die Anästhesistin und stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Dr. Sigrid Ultes-Kaiser, wiederentdeckt hat.

Weder Ärzte noch Bäcker haben etwas zu verschenken

Else Weil, 1889 geboren und 1942 im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht, war eine der ersten Ärztinnen in Preußen und vier Jahre lang die Ehefrau des Schriftstellers Kurt Tucholsky. Sie war die literarische Vorlage der Claire in "Rheinsberg".

Unter der Überschrift "Kassenärzte" verfasste sie vor fast genau 89 Jahren einen Text, in dem sie die wirtschaftliche Lage ihres Berufsstandes und vor allem den unheilvollen Einfluss der Krankenkassen auf die Arbeit der Ärzte beklagte. Die Zeiten waren andere, aber die grundsätzlichen Probleme sind die gleichen geblieben. So schreibt Else Weil zum Beispiel: "Daß der Arztstand eine soziale Einrichtung ist - wie die Kassen immer dann behaupten, wenn sie mehr zahlen sollen -, ist richtig; ich habe aber noch nie gehört, daß mir der Bäcker sein Brot deshalb billiger läßt, weil ich einer sozialen Einrichtung angehöre." Die Bezahlung der Kassenärzte macht die Autorin ratlos: "Die wirtschaftlichen Anstellungsbedingungen für die Kassenärzte lassen die zwei Möglichkeiten zu: entweder er untersucht und behandelt seine Patienten gründlich und gewissenhaft und verhungert dabei; oder er läßt es die Masse machen und erledigt einen großen Schub Patienten oberflächlich und fabrikmäßig."

"Man sollte nicht mit etwas paradieren, das hohl ist"

Einem Irrtum erliegt auch, wer denkt, früher habe sich der Arzt über Arzneimittelverordnungen, abgesehen von deren Wirksamkeit, nicht allzu viele Gedanken machen müssen und das Wort Regress womöglich gar nicht gekannt. So beklagt Else Weil in der "Weltbühne": "Die Kasse verbietet in einem alljährlich erscheinenden Buch dem Arzt, eine große Anzahl von Medikamenten zu verschreiben, weil sie zu teuer sind. Sie verweist auf Ersatzpräparate. (...) Die meisten Paragraphen dieses Buches verbieten etwas, und bei Übertretung dieses Verbotes muss der Arzt Strafe zahlen."

Und die junge Ärztin macht sich auch Gedanken darüber, wie sie und ihre Kollegen mit den Beschränkungen, die ihnen die Kasse auferlegt, umgehen sollen. Den Ratschlag, den sie erteilt, haben viele Ärzte in den vergangenen Monaten auch von ihren Standesvertretern gehört: So empfiehlt die junge Ärztin, "dem Arbeiter nichts vorzumachen, wenn man zur Leistung unfähig ist. Es ist viel anständiger, die formale Leistungsverpflichtung der Kasse, die ja doch nur auf dem Papier steht, zu beschränken, es ist viel anständiger offen zu sagen, was man leisten kann und was nicht, als in Festberichten und Geschichtsbüchern mit etwas zu paradieren, das hohl ist und ein Schwindel."

Else Weils Text ist in der "Weltbühne" Jg. XVI., Nr. 25 am 17.06.1920 erschienen. Über die Autorin ist im Hentrich & Hentrich Verlag Teetz eine kleine Biographie erschienen: Sunhild Pflug: Dr. med. Else Weil, ISBN 978-3-938485-69-9, 59 S., 5,90 Euro.

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