Ärzte Zeitung online, 26.06.2009

"Wie hätten wir wohl diese Patientin geheilt?"

Der Marburger Medizinprofessor Jürgen Schäfer analysiert mit Studenten die US-Arztserie "Dr. House" - und hat mit seinen Fallbesprechungen großen Erfolg.

Von Gesa Coordes

MARBURG. Die Warnung schickt der Marburger Medizinprofessor Jürgen Schäfer jedem Seminar voraus: "Die durchgeknallte Persönlichkeit von Dr. House entspricht in keinster Weise dem Arztbild der Philipps-Universität." Jeden Dienstag nimmt Schäfer die beliebte RTL-Fernsehserie mit Hugh Laurie zum Anlass, um seltene Erkrankungen zu besprechen. "Dr. House revisited" oder "Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?", heißt der Titel des Seminars, mit dem der Kardiologe bundesweit Neuland betritt. Das Konzept wird er beim Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin am 2. und 3. Juli in Berlin vorstellen.

"Jeden Mittwoch nach der Sendung haben die Studenten in der Mensa über die Fälle von Dr. House diskutiert", erzählt der Medizinprofessor. Zugleich wurde intensiv über neue Konzepte für die Lehre beraten. Die Professoren haben nämlich immer mehr Mühe, ihre Studierenden in die Hörsäle zu locken.

Auch ohne Schein kommen 50 Studenten ins Seminar

Deshalb startete Schäfer das Experiment mit Dr. House, das auch in Zukunft im Lehrplan bleiben wird. Einen Schein erhalten die Studierenden nicht. Trotzdem kommen jedes Mal etwa 50 angehende Mediziner, wenn verzwickte medizinische Krankheiten anhand von Schlüsselszenen aus der Serie vorgestellt werden. Wird der Patient ohnmächtig oder spuckt Blut, drückt Schäfer auf die Stopp-Taste. Dann überlegt er gemeinsam mit den Studierenden, was der Kranke haben könnte. Dabei lernen sie auch, ihre Diagnose immer wieder zu hinterfragen und neue Befunde zusammenzupuzzeln.

Der unterhaltsame Unterricht kommt an. "Ich habe mich immer gefragt, ob die Fälle realistisch sind", erklärt Medizinstudentin Andrea Förster die Faszination. In Marburg beteiligen sich inzwischen drei weitere Mediziner am Seminar. In Berlin, Bonn und Jena soll das Projekt nachgeahmt werden.

Für den Unterricht ist die Serie nämlich geradezu ideal: "Die Patienten von Dr. House haben alles, was im Medizinlehrbuch steht", weiß Schäfer. Nur, dass die dramatischen Szenen aus der TV-Klinik natürlich besser hängen bleiben als die Fußnote in der wissenschaftlichen Abhandlung. Aber auch Schäfer ist überzeugt: "Wenn man es ernsthaft betreibt, ist Medizin wie ein Krimi."

Marburger Ärzte wären schneller als Dr. House

Der "deutsche Dr. House": Medizinprofessor Jürgen Schäfer aus Marburg analysiert mit seinen Studenten die amerikanische Klinik-Serie.

Foto: Coordes

Da ist die Kindergärtnerin, die mit einem schweren epileptischen Anfall in die Klinik von Dr. House eingeliefert wird. Das Team rätselt, was die Ursache der Krankheit sein mag: Ein Hirntumor, eine Hirnverletzung, die Wernicke-Enzephalopathie, die Creutzfeld-Jakob-Krankheit oder eine Vaskulitis? Natürlich alles falsch. Die Patientin entgeht nur knapp dem Tod, bis Dr. House schließlich die richtige Diagnose stellt: Ein Schweinebandwurm im Gehirn hat die Epilepsie ausgelöst. ein Entwurmungsmittel wird helfen.

Den Fall, da ist sich Schäfer ziemlich sicher, hätte die Marburger Universitätsklinik schneller als Dr. House gelöst. Bei anderen Krankheiten kann er nicht garantieren, dass sie auf die richtige Diagnose gekommen wären.

Medizinisch sei die Serie sehr gut recherchiert, erzählt der Hochschullehrer. Die Krankheitssymptome, Dosierung und Auswahl der Medikamente stimmten meist bis ins Detail. Trotzdem schildert er in jedem Fall, was die Ärzte in Marburg anders gemacht hätten: Natürlich sollen die Studierenden nicht in die Wohnungen ihrer Patienten einbrechen, um nach Hinweisen auf rätselhafte Krankheiten zu suchen. Eine ordentliche Anamnese würde auch reichen. Meist ist der Fernseharzt auch viel zu schnell mit seinen Behandlungen dabei. Und, so Schäfer: "Wir wären wesentlich freundlicher, weniger zynisch und weniger aggressiv."

Deutsche Kliniken hätten dem TV-Arzt gekündigt

Menschlich findet Dr. Schäfer seinen amerikanischen Fernsehkollegen nämlich ziemlich fies: "Der wäre in jeder Klinik schon zehnmal rausgeschmissen worden", schätzt er. Auf der anderen Seite machten nette Ärzte allein nicht gesund. Am besten wäre der Charakter von Dr. Brinkmann aus der "Schwarzwaldklinik" mit den diagnostischen Fähigkeiten von Dr. House, sinniert der Fachmann für präventive Kardiologie.

Trotzdem stört sich er nicht daran, wenn ihn verzweifelte Patienten mit nicht diagnostizierten Krankheiten aus dem ganzen Bundesgebiet als den "deutschen Dr. House" ansprechen. "Fachlich wäre ich gern so gut", sagt Schäfer: "Menschlich möchte ich nicht so verkümmern."

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