Ärzte Zeitung online, 03.06.2009

Serbien bleibt das Eldorado für Korruption

BELGRAD(dpa). Die kritische Analyse der Staats- und Regierungsspitze Serbiens ließ am Wochenende aufhorchen: Die Korruption sei zur "nationalen Krankheit" geworden, die "alle soziale Gruppen" erfasst habe. Ausnahmslos alle Parteien sowie viele Ärzte, Anwälte, Professoren, Richter und Journalisten steckten tief im Korruptionssumpf, der jetzt trocken gelegt werde, beklagte der serbische Staatschef Boris Tadic.

Innenminister Ivica Dacic kündigte für die nächsten Tage gar die Verhaftung von korrupten Politikern und Wirtschaftsgrößen an. Doch am Mittwoch ist schon wieder alles ganz anders. Er sei missverstanden worden, habe nur "ganz allgemein gesprochen", rudert Dacic zurück.

Serbien bleibt also das Eldorado für Korruption auf dem ohnehin von dieser Geißel geschlagenen Balkan. Dass die Bürger damit "von der Wiege bis zur Bahre" leben müssen, haben am Mittwoch wieder die Experten von Transparency International (TI) bestätigt. Allein im letzten Jahr haben ein Fünftel aller Serben Bestechungsgelder locker gemacht. Das waren fünf Mal mehr als in den Nachbarländern. In Belgrad betrage das Bestechungsgeld "durchschnittlich 3000 Euro", schrieb die angesehene Zeitung "Politika" am Mittwoch auf ihrer Titelseite.

Schon bei der Geburt müssen die Eltern im Krankenhaus zahlen, um eine halbwegs menschenwürdige Behandlung zu bekommen. In Schule und Universität läuft ohne "Belohnung" der Lehrer und Professoren wenig. Vor drei Jahren flog ausgerechnet an der Jura-Fakultät in Kragujevac eine Riesenaffäre auf. Zehn Professoren wurden wegen verkaufter Diplome verhaftet, darunter pikanterweise der Dekan, ein Ex-Richter am Verfassungsgericht und ein Experte für organisierte Kriminalität.

Der Arztbesuch, eine Operation oder bessere Medikamente sind nur gegen Bares zu haben. Allein mit Beziehungen ist ein Arbeitsplatz oder eine Baugenehmigung nicht zu bekommen. Die Bürger haben sich damit abgefunden, berichtet Transparency International. Drei Viertel verzichteten auf Anzeigen, weil "das sowieso nichts bringt", knapp die Hälfte der Befragten habe Angst vor "Vergeltung und Rache".

Das ganz große Rad wird jedoch in Wirtschaft und Politik gedreht. "Die Parteien sind Firmen für Schutzgelderpressung", titelte die Zeitung "Blic" vor wenigen Tagen. Wenigstens 15 Prozent der Auftragssumme müsse bei jeder Investition in die Kasse der Parteien fließen. Bei größeren Geschäften reisten windige Unternehmer "mit Koffern und Taschen voller Geld" an, um den Parteien zu danken.

Der TV-Sender B92 hat im letzten Monat aufgedeckt, dass die Belgrader Stadtverwaltung zwielichtigen Geschäftsleuten Grundstücke im Wert von "mehreren hundert Millionen Euro" zugeschanzt hatte. Eine "Baumafia" sorge für Schwindel erregende Immobilienpreise bei Einkommen, die oft nur ein Zehntel der Bezüge in anderen europäischen Metropolen betragen.

Die eigenen Behörden haben errechnet, dass in Serbien jährlich bis zu 1,7 Milliarden Euro "gewaschen" werden. Rund 400 Millionen Euro wandern bei staatlichen Anschaffungen in private Taschen, sind sich europäische Experten sicher. In der jüngsten Affäre haben zwei Superreiche für 50 Millionen Euro im Zentrum Belgrads 220 Hektar Filetgrundstücke von der Stadtverwaltung erworben. Die sind nach Darstellung der staatlichen Korruptionsbekämpfer über eine Milliarde Euro wert.

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