Ärzte Zeitung, 21.07.2009

"Eigene Schwächen werden schonungslos aufgedeckt"

An deutschen Schulen fehlen laut Schätzungen 20 000 Lehrer. Um die Not zu mildern, werden oft pädagogische Laien eingestellt. Einer der Hilfslehrer für Physik ist der bayerische Hausarzt Giovanni Köck.

Von Pete Smith

Physiklehrer am Gymnasium für zwei Stunden pro Woche: Giovanni Köck, Allgemeinarzt in Bodenkrichen-Bonbruck im Landkreis Landshut.

Foto: privat

"Mein Respekt vor dem Lehrerberuf ist in diesem Jahr gestiegen", bilanziert Giovanni Köck, niedergelassener Allgemeinarzt in Bodenkrichen-Bonbruck im Landkreis Landshut, sein Jahr als Hilfslehrer am Montgelas-Gymnasium im niederbayrischen Vilsbiburg.

Seit September 2008 unterrichtet der Hausarzt in der Oberstufe zwei Stunden pro Woche Physik. Das macht ihm Spaß, aber es kostet ihn auch Zeit und Kraft, denn der Beruf des Lehrers ist anstrengend. "Manchmal stoße ich auch an meine Grenzen", bekennt Köck freimütig. Er weiß, er ist kein Pädagoge, sondern ein Hilfslehrer. Nicht mehr und nicht weniger.

Giovanni Köck ist 52 Jahre alt, verheiratet und Vater von sechs Kindern. Vier davon gehen aufs Montgelas-Gymnasium. Köcks Frau sitzt im Elternbeirat, die Belange der Schule liegen ihr und ihrem Mann am Herzen. So war der Hausarzt auch einer der ersten, die sich auf einen dramatischen Aufruf des Schulleiters Josef Kraus hin meldeten. Jener, im Nebenamt Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hatte mit Verweis auf den eklatanten Lehrermangel an seiner Schule an die Eltern appelliert, darüber nachzudenken, ob sie nicht als Hilfslehrer einspringen könnten. Giovanni Köck wollte. "Ich habe mich für Latein, Physik und Mathematik interessiert", erinnert sich der Hausarzt, der schließlich als Hilfslehrer für Physik engagiert wurde.

Mehr als zwei Stunden pro Woche gehen nicht

Sechs Stunden hätte er pro Woche unterrichten können, aber mehr als zwei erschienen ihm unrealistisch. Schließlich ist er Hausarzt und kommt nicht selten erst zwischen 22 und 23 Uhr heim. Wenn er sich danach auf den Unterricht vorbereitet, passiert es ihm, dass er darüber einschläft, im Morgengrauen wieder aufwacht und den Stoff vor Schulbeginn zu Ende paukt. Dienstags und freitags steht er schon früh vor seinen Schülern, seine Praxis-Sprechstunde beginnt dann eine halbe Stunde später.

Giovanni Köcks Zweitjob begann mit einem Sprung ins kalte Wasser. Eine Einarbeitung fand nicht statt, seinen Unterrichtsstoff musste er sich selbst anhand des Lehrplans und des Schulbuchs erarbeiten. "Doch die echten Lehrer waren sehr freundlich und standen mir mit Rat zur Seite", berichtet der Arzt. "Auch die Schüler haben mich gut aufgenommen. Sie sind sehr direkt und offen im Umgang mit Lehrern, was an sich nicht schlecht ist."

Das hat jedoch auch seine Schattenseiten. "Die Schwächen eines Lehrers werden schonungslos offen gelegt", erzählt Köck. Kommentiert wird beispielsweise, wenn sich der Hilfslehrer an der Tafel verrechnet oder ein Problem aus Sicht einzelner Schüler zu umständlich erklärt. "Manchmal würde ich mir mehr Respekt wünschen." Umgekehrt musste sich der Hausarzt angewöhnen, strenger durchzugreifen, etwa wenn die Schüler zu laut waren. Darum hat ihn der Klassensprecher sogar explizit gebeten. Köck selbst überraschten zu Beginn seiner Tätigkeit vor allem die Wissenslücken seiner Schüler. "Bei vielen sitzt noch nicht einmal der Dreisatz."

Sein Schuleinsatz wird mit 250 Euro im Monat bezahlt

Alles in allem macht ihm der Zwei-Stunden-Job am Montgelas-Gymnasium nach wie vor Spaß. Dennoch wird er ihn im neuen Schuljahr aller Voraussicht nach aufgeben. "Wenn ich im Hauptberuf nicht so belastet wäre, würde ich wohl weitermachen", sagt Köck, dessen Schuleinsatz mit 250 Euro pro Monat vergütet wird. "Aber vor allem in der Grippezeit war es mir schon zu viel."

Ein Rätsel bleibt ihm der wiederkehrende Wechsel aus Lehrerschwemme und Lehrermangel - "das kann ein normaler Mensch doch gar nicht begreifen", sagt der Hausarzt. Verfehlte Personalplanung von Seiten der Politik sieht er als Ursache, was Verbandspräsident und Schuldirektor Josef Kraus unterstreicht. Kraus fordert von der Politik differenziertere Bedarfsprognosen und mehr Geld fürs Schulwesen.

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