Ärzte Zeitung online, 24.06.2009

Produktion und Konsum von synthetischen Drogen nehmen zu

WIEN/WASHINGTON (dpa). Die weltweite Nachfrage nach Kokain, Opiaten oder Cannabis stagniert oder schrumpft, während die Produktion und der Konsum von synthetischen Drogen - insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern - steigt.

Zu diesem Schluss kommt der Weltdrogenbericht 2009, den das Büro der Vereinten Nationen für die Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC) am Mittwoch in Wien und Washington veröffentlicht hat. Die UN-Fahnder gehen davon aus, dass unter anderem die sinkende Nachfrage nach konventionellen Drogen zu dem Anstieg blutiger Gewalt in Mexiko beigetragen hat.

Nach Ermittlungen der UN-Behörde ist im vergangenen Jahr allein der Schlafmohnanbau in Afghanistan um 19 Prozent zurückgegangen. Afghanistan stand bisher für 93 Prozent der Welt-Opiumproduktion. In Kolumbien, das die Hälfte des globalen Kokainvolumens produziert, sank der Anbau von Koka um 18 Prozent, die Kokain-Produktion schrumpfte im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent. Trotz einer Steigerung bei Anbau und Produktion in Peru und Bolivien sank die weltweite Koka-Produktion nach UNODC-Ermittlungen mit 845 Tonnen auf ein Fünfjahrestief.

Der Kokainmarkt schrumpft

"Der 50 Milliarden Dollar schwere globale Kokainmarkt erlebt Veränderungen seismischen Ausmaßes", erläutert UNODC-Chef Antonio Maria Costa in seinem Bericht. "Der Reinheitsgrad und die Beschlagnahmungen (in den wichtigsten Konsumländern) sind zurückgegangen, die Preise gestiegen und die Konsummuster im Wandel begriffen." Dies wiederum "könnte zur Erklärung des erschreckenden Anstiegs von Gewalt in Ländern wie Mexiko beitragen". Costa: "In Mittelamerika kämpfen Kartelle um einen schrumpfenden Markt."

Die Nachfrage nach konventionellen Drogen ist in den größten Absatzmärkten für Cannabis, Kokain und Opiate "allesamt stagnierend oder rückläufig", heißt es in dem Report. Unklar sei dagegen, wie es in den Entwicklungs- und Schwellenländern aussehe.

Gegensätzlich scheint sich der Markt für synthetische Drogen wie Amphetaminen, Methamphetaminen und Ecstasy zu entwickeln. Hier stabilisiert sich der Konsum in Industrieländern, während Produktion und Konsum in Entwicklungs- und Schwellenländern zu steigen scheint. So produzierten Fabrik-große Labors in Südostasien "gewaltige Mengen an Methamphetamin-Tabletten, Crystal Meth und anderen Substanzen wie Ketamin". Einige EU-Länder seien inzwischen Hauptlieferanten von Ecstasy, während Kanada sich zu einem wichtigen Umschlagplatz für Crystal Meth und Ecstasy entwickelt habe.

Der Konsum des Amphetamins Captagon ist stark gestiegen

Auch die illegalen Handelswege verschieben sich, wie die UNODC warnt. Im Nahen und Mittleren Osten ist der Konsum des Amphetamins Captagon sprunghaft angestiegen. 2007 beschlagnahmte Saudi-Arabien ein Drittel aller Substanzen der Amphetamingruppe weltweit, insgesamt mehr als China und die Vereinigten Staaten zusammen.

Unterschiedlich seien die Erfolge bei der Drogenbekämpfung. Während dem Bericht zufolge 41 Prozent des weltweiten Kokainvolumens beschlagnahmt werden, sind es nur 19 Prozent aller Opiate. Am schlimmsten betroffen seien der Iran und Pakistan, wo die meisten Opiate (Opium, Morphin und Heroin) beschlagnahmt wurden. 2007 wurden laut UNODC im Iran 84 Prozent des weltweiten Opiumvolumens konfisziert und 28 Prozent des gesamten Heroins.

Aus diesem Grund müssen laut UN-Drogenbehörde auch gemeinsame Aktionen zur Drogenbekämpfung geplant werden. So habe die UNODC eine "Dreiecksinitiative" zwischen Afghanistan, dem Iran und Pakistan entwickelt, um die Handelswege früh zu unterbrechen. "Je mehr Opium in Afghanistans Nachbarschaft beschlagnahmt wird, desto weniger Heroin gelangt auf die Straßen Europas." Dies wiederum werde zu mehr Stabilität im Nahen und Mittleren Osten führen, sagte Costa.

Stichwort synthetische Drogen

Synthetische Drogen werden ohne natürliche Rohstoffe im Labor hergestellt. Die gefährlichen Rauschmittel werden auch Designer-Drogen oder schlicht "Chemie" genannt. Alle machen relativ schnell süchtig. Zu den bekanntesten zählen:

  • Amphetamin: Die Substanz ist unter dem Namen Speed bekannt und wird in der Regel als Pulver oder Tablette angeboten. Sie wird geschnupft, geschluckt oder auch in Wasser aufgelöst gespritzt. Die Droge putscht auf, zügelt den Appetit und erhöht das Selbstwertgefühl sowie die Spontanität. Sie kann aber auch aggressiv machen. Oft kommt es zu Herzrasen und Überhitzung. Auch Angstzustände sind möglich. Bei Sportlern zählen Amphetamine zu den bekannten Dopingmitteln.
  • Ecstasy: Die "Partydroge" wird häufig von jungen Menschen genommen. Die Pillen führen zu Glücksgefühlen, Kontaktfreudigkeit und Verlust des Zeitgefühls. Das körpereigene Warnsystem wird ausgeschaltet, bei langem Tanzen kann es zu extremem Wasserverlust, Organschäden oder Kreislaufzusammenbruch kommen. Tödliches Nierenversagen wurde ebenso beobachtet wie tödliche Hirnblutungen. Die Droge kann zudem Psychosen und Wahnvorstellungen verursachen. Ecstasy ist ein Amphetaminderivat, also eine Art chemischer Abkömmling von Amphetamin.
  • Crystal: Die pulverförmige, kristalline Droge wird in einer Pfeife geraucht, geschnupft, geschluckt oder aufgelöst und injiziert. Sie wirkt stark aufputschend, vertreibt Müdigkeit, Durst- und Hungergefühle. Sie kann aber auch zu verstärkter Aggressivität führen. Nach dem Rausch erleben Konsumenten meist ein körperliches und psychisches Tief. Zu den Langzeitschäden gehören unter anderem ein starker körperlicher Verfall, Nierenschäden und Blutverdickung. Crystal ist Methamphetamin, also ebenfalls ein Amphetaminderivat.

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