Ärzte Zeitung online, 25.06.2009

Dresden verliert Welterbetitel

SEVILLA/DRESDEN (dpa). Schwarzer Tag für den Denkmalschutz in Deutschland: Nach jahrelanger Diskussion ist das Dresdner Elbtal wegen des umstrittenen Baus der Waldschlösschenbrücke von der Welterbeliste gestrichen worden. Das entschied das 21-köpfige UNESCO-Welterbekomitee bei seiner Sitzung am Donnerstag im spanischen Sevilla exakt mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit.

Damit verliert erstmals weltweit eine Kulturstätte das begehrte Gütesiegel der UN-Kulturorganisation. Nach Auffassung der UNESCO wird das Bauwerk das Elbtal irreversibel zerschneiden und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerstören. Einen Tunnel hätte das Komitee zuletzt als Kompromiss akzeptiert.

"Das ist ein sehr trauriger Moment", sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, sichtlich bewegt. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. "Damit ist Dresden von der Liste gestrichen." Nach dpa-Informationen hatten 14 Mitglieder für die Aberkennung gestimmt, 5 dagegen und 2 hatten sich enthalten. Zuvor hatte das Gremium einen Antrag mit 8:13 Stimmen abgelehnt, wonach das Elbtal zunächst noch ein weiteres Jahr auf der Roten Liste (seit 2006) zu belassen und dann im kommenden Jahr über die Aberkennung abzustimmen sei. Nach Angaben der Dresdner Stadtverwaltung diskutierten die Delegierten nach der Entscheidung in Sevilla noch über die Kriterien einer möglichen Wiederaufnahme des Elbtals.

   Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bedauerte die Entscheidung, er riet aber auch zu Gelassenheit. "Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden", sagte Neumann in einer Presseerklärung. Der Bund habe sich immer wieder vermittelnd für eine einvernehmliche Lösung des Konflikts eingesetzt. Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes seien in erster Linie Länder und Kommunen zuständig für den Denkmalschutz und für die Bewahrung des Welterbes. Der Bund habe daher keinen direkten Einfluss auf das von der Stadt und dem Freistaat Sachsen gleichermaßen favorisierte Brückenprojekt nehmen können.

Die Deutsche UNESCO-Kommission kritisierte Kommunikationsmängel: "Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht", erklärte der Präsident der Kommission, Walter Hirche, in Bonn. "Die Konsequenz ist aus meiner Sicht, dass aufkommende Welterbe-Konflikte in Zukunft über eine frühzeitige Mediation gelöst werden müssen." Die Deutsche UNESCO- Kommission biete sich dafür als Mediator an. Die Deutsche UNESCO- Kommission ist kein Zweig der UNESCO, sondern eine Mittlerorganisation zwischen Bundesregierung und UNESCO.

   Die UNESCO-Entscheidung war bereits für Mittwoch erwartet worden, hatte sich aufgrund von Verzögerungen bei den Beratungen aber verschoben. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hatte zuvor bei den Welterbehütern dafür geworben, eine Aberkennung bis nach der für 2011 avisierten Fertigstellung der Brücke zu vertagen. Vor dem Gremium direkt durfte sie allerdings nur eine Minute sprechen.

   Die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur hatte das rund 20 Kilometer lange Gebiet schon 2006 auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbe-Stätten gesetzt. 2007 und 2008 gab es Gnadenfristen, zuletzt forderte die UNESCO einen Tunnel als Alternative. Der Bau der Brücke hatte Ende 2007 begonnen. 2011 soll die Flussquerung befahrbar sein.

   Eine Aberkennung hat es in der UNESCO-Geschichte bislang erst einmal gegeben - 2007 für eine Naturstätte in Oman. Das Dresdner Elbtal ist als Kulturlandschaft eingestuft und gehört damit zur Kategorie der Kulturstätten. Vor einem Jahr hatte das Komitee die Aberkennung des Titels für 2009 angekündigt, falls der Brückenbau nicht gestoppt und ein Tunnel als Alternative geprüft werde. Die Verantwortlichen in Dresden erfüllten beide Auflagen nicht.

   Die UNESCO hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kulturleistungen der Menschheit und Naturphänomene von "außergewöhnlich universellem Wert" zu erhalten. Weltweit sind 877 Stätten in 145 Staaten auf der Welterbe-Liste verzeichnet, darunter jetzt nur noch 32 in Deutschland. Zuletzt wurden 2008 die Siedlungen der Moderne in Berlin aufgenommen, die einen neuen Typus des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit der klassischen Moderne darstellen. Über Neuaufnahmen und die Stätten der Roten Liste entscheidet das jährlich tagende Welterbekomitee.

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