Ärzte Zeitung online, 26.06.2009

Ermittlungen gegen RTL wegen "Erwachsen auf Probe"

KÖLN (dpa). Seit Monaten gibt es Wirbel um die RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe" - jetzt ermittelt auch noch die Staatsanwaltschaft. Nach über 50 Strafanzeigen sei ein Ermittlungsverfahren "gegen RTL und andere" eingeleitet worden, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Wolf am Freitag in Köln.

Wolf bestätigte damit einen Bericht von "Spiegel Online". Es gehe um die ersten Folgen der Serie, in denen Teenager vier Tage lang die Versorgung von Babys und Kleinkindern übernommen hatten.

Untersucht werde nun, ob sich der Sender damit der Körperverletzung schuldig gemacht haben könnte. Darüber hinaus prüft die Staatsanwaltschaft, ob die leiblichen Eltern der Babys und Kleinkinder gegen ihre Fürsorgepflicht verstoßen haben, indem sie ihre Kinder den Teenagern überließen. "Wir prüfen mit aller Sorgfalt, ob da irgendwelche Tatbestände vorliegen", sagte Wolf. Allein am Donnerstag seien wieder fünf oder sechs Strafanzeigen gegen "Erwachsen auf Probe" eingegangen. Offenbar stehe dahinter eine Kampagne.

   Zur Beurteilung des Falles werde es wohl ausreichen, sich die Sendung anzusehen und das vorliegende Material zu beurteilen, sagte Wolf. "Wir werden da jetzt nicht bei RTL einfliegen", erläuterte er. Es sei nicht mit der Durchsuchung von Büros oder dergleichen zu rechnen. Voraussichtlich werde man im Laufe der nächsten beiden Wochen zu einem Ergebnis kommen.

Ein RTL-Sprecher teilte zu den Ermittlungen mit: "Seit Anfang Juni ist bekannt, dass Anzeigen vorliegen. Über den aktuellen Stand der Untersuchung haben wir keine Informationen." RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt hatte im vergangenen Monat versichert: "Wir haben das Wohl der mitwirkenden Kinder, Paare und Eltern ebenso fest im Blick wie die Wirkungen auf unsere Zuschauer."

In der vergangenen Woche hatten einige Firmen ihre Werbespots aus dem Umfeld von "Erwachsen auf Probe" zurückgezogen, darunter das Möbelhaus Ikea (wir berichteten). Die Sendung wird seit vielen Wochen scharf kritisiert, unter anderem hatte Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen Stopp oder eine gründliche Überarbeitung der Reihe gefordert. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) beurteilte die erste Doppelfolge als "ethisch und pädagogisch unverantwortlich". Einer der Hauptkritikpunkte lautet, dass Babys und Kleinkinder zu kommerziellen Zwecken Stress ausgesetzt würden. Eine Verbotsklage wurde von zwei Gerichten jedoch abgelehnt.

RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger hatte die Sendung mit dem Argument verteidigt, der Sender wolle die steigende Zahl von Teenagerschwangerschaften in Deutschland problematisieren. Deshalb habe man das erfolgreiche Format von der britischen BBC übernommen. Während der Aufnahmen seien die Jugendlichen ständig überwacht worden, die leiblichen Eltern hätten jederzeit eingreifen können.

Von der Leyen hatte dazu gesagt: "Teenagerschwangerschaften sind ein ernstzunehmendes Thema und in Großbritannien ein echtes Problem. In Deutschland ist die Zahl im Gegensatz dazu aber sehr niedrig. Die jahrelange Aufklärungsarbeit in den Schulen zahlt sich aus." Es sei überzogen, dass sich RTL das pädagogische Feigenblatt umhänge, sagte die Ministerin.

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