Ärzte Zeitung, 23.07.2009

Untersuchung im CT gibt Geheimnisse preis

2400 Jahre alt, aus der oberen Gesellschaftsschicht und wieder eine Patientin für die Uni-Klinik: In Mannheim werden für eine Ausstellung 40 Mumien aus aller Welt untersucht.

Von Ingeborg Bördlein

Moderne Untersuchung 2000 Jahre nach dem Tod: Dr. Christian Fink betreut das Mumien-Projekt an der Uni Mannheim.

MANNHEIM. Die Patientin ist schätzungsweise um die 2400 Jahre alt, hat einen erstaunlich gesunden Zahnstatus, keine Osteoporose, aber mehrere Knochenfrakturen, die ihr wahrscheinlich post mortem zugefügt worden sind. Experten des Instituts für Klinische Radiologie und Nuklearmedizin der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) haben die Frau mit modernster CT-Technik durchleuchtet und diesen vorläufigen Befund erstellt.

Ihre Daten in Kürze: Frau, Mumie, aus Basel. Mehr ist nicht bekannt. Immerhin lässt eine aufwändige Balsamierung und verbliebene Goldblattauflagen auf der Haut der aus dem alten Ägypten stammenden Frau auf ihre Zugehörigkeit zur besseren Gesellschaft schließen.

Das Skelett eines Kindes wies viele Brüche auf

Sie ist eine von bislang drei ägyptischen Mumien, die im Rahmen des "German Mummy Projects" der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim am dortigen Universitätsklinikum mit der sogenannten "Dual Energy CT-Technik" untersucht worden sind. Bei dem Mann, der Frau und einem Kind handelt es sich um Leihgaben aus dem Museum der Kulturen und dem Naturhistorischen Museum in Basel. Auch der Mann war aufwändig balsamiert worden, sein Penis war nachmodelliert und seine Arme waren gekreuzt. All dies lasse ebenfalls eine hochstehende Persönlichkeit vermuten, sagte Projektleiter Dr. Wilfried Rosendahl vor Journalisten in Mannheim. Für die Forscher waren die CT-Aufnahmen sehr aufschlussreich.

So schein die komplett bandagierte Kindermumie auf den ersten Blick ein Baby zu sein, doch erst die CT-Aufnahme brachte es zutage: Es waren die Körperreste eines Kleinkindes, dessen Skelett viele Brüche aufwies, was aber nach Einschätzung der Forscher nicht die Todesursache war. Sie vermuten vielmehr, dass die Beine nachträglich nach oben geschoben worden und das Kind in dieser Stellung erneut bandagiert worden war -  eine wohl nicht seltene Praxis im Alten Ägypten.

Der Geschäftsführende Oberarzt des Radiologischen Instituts, PD Dr. Christian Fink sieht die Dual Energy CT-Techniken, wie sie an der Mannheimer Universitätsstrahlenklinik eingesetzt werden, als ideal an, um das Innenleben der Mumien zu studieren. Zum Einsatz kommen quasi zwei Computertomografen in einem Gerät. So verfügt man über zwei Röntgenquellen und entsprechend zwei Detektoren, die diese Strahlen aufnehmen und weiterverarbeiten.

Die Energie der beiden Quellen lässt sich unabhängig voneinander verändern. "Die erzeugten Bilder sind anatomisch deckungsgleich, erlauben aber aufgrund der unterschiedlichen Bildinformation eine bessere Unterscheidung verschiedener Gewebe, so Fink. Mit leistungsstarken Rechnern gelingt es, die untersuchten Körperpartien dreidimensional darzustellen.

Das Innenleben der Mumie wird am Bildschirm sichtbar.

Fotos: UMM

Bis zu 20 000 Einzelbilder werden vom Inneren der über 2000 Jahre alten Menschen angefertigt. Es ist seltsam berührend zu sehen, wie die hervorragend konservierten Mumien über 2000 Jahre nach dem Tod der Menschen ins CT geschoben und einer bildgebenden Diagnostik nach dem modernsten Stand der Technik unterzogen werden.

Fink zeigt einen intakten Meniskus auf beiden Seiten, die glatten Hüftknochen, die Wirbelkörper und Rippen der Frau. Die Aufnahmen sind haarscharf. "Strahlenarm müssen wir hier im Gegensatz zu den lebenden Patienten nicht arbeiten", so Fink. Anstelle der Organe, die von den Mumifizierern im Alten Ägypten gekonnt entfernt worden waren, erkennen die Fachleute im Bauchraum der Mumien heute Bandagen und Papyrusrollen. Sie wurden "zum Ausstopfen" verwendet. Die Gehirne waren ebenfalls vor der Einbalsamierung entfernt worden. Das duale CT-System, das im klinischen Alltag eine genaue Gefäßdarstellung in der CT-Angiografie ermöglicht und die Tumorangiogenese beim lebenden Patienten sichtbar macht, erlaubt auch einen detailgenauen Einblick in das Innere eines vor mehr als 2000 Jahren gestorbenen Menschen.

Auswertungen der Bilder finden nach Feierabend statt

Die drei in Mannheim untersuchten Mumien werden in einem Jahr im Rahmen einer Ausstellung "Mummies of the World" in den USA gezeigt werden. Im Rahmen des Mannheimer Mumienforschungsprojekts sollen insgesamt 40 Mumien von Museen aus aller Welt an das Mannheimer Klinikum zur CT-Untersuchung gebracht werden. Um die Patientenversorgung nicht zu beeinträchtigen, finden die Untersuchungen und zeitaufwändigen Auswertungen der Bilder nach Feierabend statt.

Für Fink ist es spannend, Einblicke in menschliche Körper zu bekommen, die vor Jahrtausenden gelebt haben und damit bislang verborgene Geheimnisse zu lüften. Mit modernster Technik ist dies detailgenau möglich geworden.

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