Ärzte Zeitung online, 09.07.2009

Im Sommercamp das Stottern bekämpfen

WÖLPINGHAUSEN/HANNOVER (dpa). Jan Dierks sitzt konzentriert auf der Wiese. In seinem Schoß liegt ein Bilderbuch. Junge Leute haben sich im Halbkreis um ihn herum versammelt und beobachten den 25-Jährigen aufmerksam. Schließlich blickt er auf und erzählt langsam und mit klarer Stimme, was er auf den Seiten des Buches sieht. Mit dieser Übung will Dierks sein Stottern bekämpfen.

Er und 17 weitere Jugendliche und junge Erwachsene nehmen an einem 14-tägigen Sommercamp im niedersächsischen Wölpinghausen teil, das die Leibniz-Universität Hannover organisiert hat. Unter fachmännischer Anleitung erlernen sie spielerisch verschiedene Techniken, um ihr Stottern in den Griff zu bekommen.

"Stottern wird meist als Unsicherheit abgetan, dabei stimmt das oft nicht", sagt Dierks. Gerade bei ihm als Angestelltem einer kommunalen Behörde mit vielen Kundenkontakten könne Stottern als unseriös gelten, befürchtet der junge Mann aus Westerstede. Dennoch geht er entspannt mit seiner Sprachstörung um. "In manchen Fällen kann Stottern aber auch zu sozialen Rückschritten führen: Wenn man sich nicht mehr traut, ans Telefon zu gehen, Brötchen zu holen oder sich im Unterricht zu melden", sagt Christiane Miosga, Projektleiterin des Camps.

Rund 800 000 Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe von einer Störung des Redeflusses betroffen, etwa ein Prozent der Bevölkerung. Dierks besucht die Therapie, die die Krankenkassen zum Teil bezahlen, bereits zum zweiten Mal. "Als Jan das erste Jahr hier war, war er unglaublich verspannt und hat ganz gepresst gesprochen", erinnert sich Professor Walter-Rolf Bindel, der das Projekt vor neun Jahren aus der Taufe gehoben hat.

Der Professor im Ruhestand beschäftigte sich während seiner Habilitation zum ersten Mal intensiver mit dem Stottern und den verschiedenen Therapiemöglichkeiten. "Ich habe damals herausgefunden, dass das Stottern eine Funktion als Unterbrechungsabwehr hat", erklärt Bindel. Mit dem Stottern, das meist im Vorschulalter beginnt, möchte der Betroffene zeigen, dass er noch weiter sprechen will. Wird die Störung nicht frühzeitig korrigiert, schleift sich das Verhalten ein. Bindels Ansatz ist, dass nicht eine bestimmte Methode hilft, das Stottern zu überwinden, sondern eine Kombination aus mehreren.

Für Jan Dierks steht nun Yoga auf dem Programm. Er streckt die Arme in die Höhe, holt tief Luft und beugt sich weit nach unten. Eine gewisse innere Ruhe ist eine gute Basis für Gespräche ohne Stotterpausen. "Das Wichtigste ist, dass sie ihr eigener Therapeut werden. Dass sie auf sich achten, sich selbst beobachten und auch korrigieren können", fasst Miosga die Ziele des Camps zusammen. Und so lernen Dierks und die anderen unter anderem ruhiges Atmen, langsames Sprechen, die passende Körperhaltung und eine entspannte und selbstbewusste Gesprächsführung.

Die Therapie im Sommercamp ist nach Angaben der Stotterer-Selbsthilfe bei vielen Betroffenen wirksam. "Es gibt aber immer wieder auch Fälle, wo mehr Zeit nötig ist", sagt Logopädin Martina Wiesmann. Mit dem Angebot für junge Erwachsene werde eine Lücke geschlossen. Normalerweise richteten sich die Projekte an Kinder oder deren Eltern. "Die Uni hat ein gutes Konzept ausgearbeitet", sagt die Expertin. Bundesweit sei die Zahl solcher Camp-Angebote sehr überschaubar: "Mehr als ein gutes Dutzend werden das nicht sein."

Bei einigen Teilnehmern der Sommercamps verschwinden die Symptome dauerhaft. Das hat sich auch Dierks vorgenommen. "Es ist zwar wirklich schön hier, aber ich hoffe nicht, dass ich noch mal herkommen muss", sagt er - ohne zu stocken - und lacht.

www.sommercamp-stottern.de

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