Ärzte Zeitung, 29.07.2009

Urlaub mit Sprachtraining für Aphasiker

Ihr Sprachvermögen ist gestört. Im Familienurlaub gewinnen Aphasiker mit Hilfe von Logopäden die Sicherheit beim Sprechen zurück. Ein innovatives Lernkonzept macht's möglich.

Von Stephanie Ralle-Zentgraf

Urlaub mit Sprachtraining für Aphasiker

Von Patienten geschätzt: logopädische Ferientherapie.

Foto: Deutscher Verband für Physiotherapie/ZVK Bayern

Jährlich erleiden in Deutschland mehr als 200 000 Menschen aller Altersgruppen einen Schlaganfall, etwa 30 Prozent leiden im Anschluss unter Aphasie.

So auch Elisabeth K. aus Nürnberg. Vor acht Monaten hatte die 63-jährige Mutter und Großmutter einen Schlaganfall. Seitdem ist ihr Sprachvermögen gestört. Häufig sucht sie verzweifelt nach dem richtigen Wort, manchmal verdreht sie die Laute und bisweilen erfindet sie sogar neue Worte für Alltagsgegenstände. Ihr Neurologe verschrieb ihr eine logopädische Therapie bei einem Aphasie-Spezialisten.

Zweimal in der Woche machte sich Elisabeth K. auf den Weg und versuchte ihre Sprache wieder zu finden. Jedesmal wenn sie die logopädische Praxis verließ, war sie voller Zuversicht, dass man ihr schon bald nichts mehr anmerken würde, aber spätestens am übernächsten Tag, war die Hoffnung wieder dahin und von den Fortschritten kaum noch etwas zu erkennen. Besonders schlimm war das, wenn sie eine oder zwei Therapiesitzungen ausfallen lassen musste, weil sie sich nicht wohlfühlte.

Drei Monate ging das so, dann entdeckte ihr Mann im Internet einen Hinweis auf eine logopädische Intensivtherapie: Die Betroffenen werden im Rahmen eines Familienurlaubs von einem staatlich geprüften Logopäden am Urlaubsort täglich intensiv behandelt. Auch die Angehörigen werden einbezogen, lernen, wie sie richtig mit einem Aphasiker umgehen und wie sie sinnvoll mit ihm üben.

Entwickelt wurde dieses Konzept vom Experten des Sprach- und Behandlungszentrums (SBBZ) der Medau-Schule in Coburg, Dr. Klaus Rothlauf. Seine Erfahrungen: "In ruhiger, entspannter Urlaubsatmosphäre können solche Therapien besonders wirkungsvoll und intensiv gestaltet werden. Die Therapien können um ein Drittel verkürzt werden, entsprechend sinken die Kosten für die Krankenkassen auch um mindestens 30 Prozent."

Und wie bei Elisabeth K., die nach zwei Wochen Wellness mit Sprachtraining in Bad Rodach nicht nur enorme Fortschritte gemacht hat, sondern auch zufrieden mit sich und der Welt ist, steigen die Zufriedenheit und das Selbstvertrauen der Patienten und damit die Bereitschaft, zu Hause kontinuierlich weiterzuüben.

Angeboten wird die Therapie von Logopäden und Sprachheilpädagogen, die auf dieses Störungsbild spezialisiert sind, in eigens dafür ausgestatteten und zugelassenen Praxisräumen. Das ist auch die Voraussetzung für die Erstattung durch die Krankenkassen, die diese vom Hausarzt oder von einem Facharzt verordnete Therapie selbstverständlich genauso erstatten wie die "normale" Therapiestunde beim Logopäden.

Lediglich die Kosten für den Urlaub müssen die Betroffenen und ihre Familien selber tragen. Die sind aber auch nicht höher als sonst. Die Kooperationspartner des SBBZ in Oberfranken, in Oberbayern, im Vogtland, im Schwarzwald und auf Sylt bieten den "Ferientherapie"-Interessenten Angebote mit Freizeitaktivitäten für Jung und Alt.

Dieser neuartige Therapieansatz eignet sich nicht nur für Aphasiker. Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen profitieren genauso wie etwa Stotterer, Legastheniker und andere Menschen, deren Sprach- oder Sprechfähigkeit gestört ist.

Informationen: www.ferientherapie.info. Oder: Berufsfachschule für Logopädie der Medau-Schule und das SBBZ Coburg, 96450 Coburg, Tel.: 09561 / 23 51 0

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