Ärzte Zeitung, 16.07.2009

"Ein großer Schritt für die Menschheit..."

105 Tage in einem Raumschiff-Modul: Die Langzeit-Simulation für eine Mars-Mission ist geglückt.

Von Pete Smith

Experiment erfolgreich: Oliver Knickel (hinten) steigt aus.

Foto: dpa

105 Tage haben sechs Probanden, darunter der Deutsche Oliver Knickel, in einem nachgebauten Raumschiff den ersten Flug zum Mars simuliert. Mehr als drei Monate waren sie auf engstem Raum von der Außenwelt abgeschnitten, haben experimentiert und das alltägliche Miteinander geprobt. In großer Harmonie, wie sie nach ihrer Rückkehr auf die Erde bekundeten.

Die erste bemannte Mars-Expedition in der Geschichte der Menschheit rückt näher. Die European Space Agency (ESA) will schon 2033 Menschen zum Roten Planeten schicken, die NASA plant eine Mission für das Jahr 2037. Mindestens zwei Jahre werden die Astronauten dann unterwegs sein, möglicherweise länger. Welche Auswirkungen hat die anhaltende Schwerelosigkeit auf Muskeln, Knochendichte und Kreislauf? Wie gefährlich ist die kosmische Strahlung? Und: Welche Folgen hat eine Jahre währende Isolation? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler schon seit knapp zwei Jahrzehnten nach. Bislang hat es vier Langzeit-Versuche gegeben: eine 30-tägige Simulation in Norwegen (1990), eine 60-tägige in Deutschland, ein 135-tägiges Experiment in Russland (1996) und ein 110- bis 240-tägiges ebendort. Der letzte Versuch, an dem elf Männer und eine Frau beteiligt waren, endete in einem Fiasko - nach Streitereien, die in Prügeleien ausarteten, brach einer der Probanden das Experiment vorzeitig ab.

An der aktuellen Langzeit-Simulation waren der deutsche Bundeswehr-Hauptmann Oliver Knickel, ein Maschinenbauingenieur sowie der russische Arzt Alexej Baranow beteiligt. Gemeinsam mit drei weiteren Russen und einem Franzosen lebten beide in einem 550 Kubikmeter kleinen Modul und probten Szenarien, die einem echten Flug zum Mars angelehnt waren: Start, Flug zum Roten Planeten, Ankunft, Transfer zur Marsoberfläche, Transfer zurück zum Raumschiff und Flug zur Erde.

Kontakt zur Erde nur mit Verzögerung

Sie mussten simulierte Notfälle überstehen und konnten auch in schwierigsten Situationen nur mit 20-minütiger Verzögerung Kontakt zur "Erdstation" aufnehmen - denn so lange sind Funksignale zwischen Mars und Erde unterwegs.

Die wichtigsten Experimente betrafen die Auswirkungen der Dauer-Isolation auf psychische und physische Aspekte wie Stress, Hormonregulierung, Immunsystem, Schlaf und Befinden. Auch der Einfluss von blauem Licht auf menschliche Ruhephasen wurde untersucht. Einige ihrer Lebensmittel wie Salat, Radieschen und Kohl haben die Testpersonen unter Kunstlicht selbst gezüchtet. Ihr Alltag wurde auch von Forschern der Universität Erlangen überwacht. An dem 15 Millionen Euro teuren Experiment waren außer der ESA auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt. "Während der ganzen 105 Tage hatten wir einen außerordentlichen Teamgeist", schwärmte der Franzose Cyrille Fournier, als die Probanden zum ersten Mal wieder in Kontakt zur Außenwelt treten durften. "Eine so lange Zeit in einer begrenzten Umgebung zu leben, kann nur funktionieren, wenn sich die Mannschaft wirklich verträgt."

Die Simulation über 520 Tage beginnt im Frühjahr

Und sein deutscher Kollege Oliver Knickel fügte hinzu: "Wir haben unsere Mission erfolgreich beendet. Ich hoffe, dass die wissenschaftlichen Daten, die wir in den vergangenen Monaten gesammelt haben, eine Mars-Mission möglich machen."

Im Frühjahr nächsten Jahres soll die vollständige Simulation eines Mars-Flugs erfolgen. Dann werden wieder sechs Testpersonen völlig isoliert von der Außenwelt 520 Tage lang im Moskauer Institut für biomedizinische Fragen verbringen: 250 Tage für den simulierten Hinflug, 30 Tage für Operationen auf der Marsoberfläche und 240 Tage für den Rückflug. Mit dem Programm "Mars500" der ESA und ihres russischen Partners IBMP bereiten beide den echten Flug zum Mars vor. Der wird, je nach Planetenkonstellation, zwischen 55 Millionen und 400 Millionen Kilometer lang sein. Erst dann wird ein Mensch zum ersten Mal seinen Fuß auf einen fremden Planeten setzen können. "One small step for a man, one giant leap for mankind…"

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