Ärzte Zeitung online, 03.08.2009

Nach Mars-Test denkt Soldat Knickel an Jobwechsel

MOSKAU(dpa). Als Quereinsteiger in die Galaxis? Mehr als drei Monate simulierte der Bundeswehr-Hauptmann Oliver Knickel in einem engen Container in Moskau einen Flug zum Mars. Das einzigartige Experiment erregte nicht nur in Deutschland großes Aufsehen. Doch zur eigenen Überraschung machte dem Soldaten die Zeit ohne Frischluft und Sonnenlicht Lust auf einen möglichen Berufswechsel hin zur Weltraumforschung.

"Ich würde da sofort mit Herzblut einsteigen", schwärmt der 29-Jährige wenige Tage nach dem Test in der russischen Hauptstadt. Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR sehen ihn sogar bereits als Kandidaten für einen Flug ins All. Schon im September macht Knickel den nächsten Schritt: Dann beteiligt er sich in Deutschland an einem Schwerelosigkeitstest.

Entspannt sitzt Knickel in der Lobby eines Moskauer Hotels, am linken Oberarm trägt er eine blaue Kompresse. Mit Hilfe des 24-Stunden-Blutdruckmessgeräts sowie anhand von Blut- und Urinproben untersuchen Ärzte die Wirkung des Experiments auf den Organismus. Mitte Juli hatten Knickel sowie ein Franzose und vier Russen nach 105 Tagen das nachgebaute Raumschiff auf einem Moskauer Forschungsgelände verlassen. "Ich bin absolut begeistert von der Weltraumforschung, das hätte ich mir noch vor einem halben Jahr nicht träumen lassen", erzählt der sonst in Eschweiler bei Aachen stationierte Soldat.

In Gesprächen mit der DLR und der Europäischen Weltraumbehörde ESA wolle er nun realistisch abschätzen, was möglich sei, sagt Knickel. Also von Moskau zur Milchstraße? Der gebürtige Düsseldorfer lacht. Von seiner Seite aus könne eine Zusammenarbeit "sehr tief und sehr weit gehen". Derzeit gilt der 33-jährige Alexander Gerst als deutscher Kandidat für einen Raumflug. Der Geophysiker aus Baden-Württemberg trainiert ab September im ESA-Astronautenzentrum in Köln.

"Russland und Amerika liegen in der bemannten Raumfahrt zwar vorn, aber die Rolle Europas wächst ständig und ist sogar in vielen Feldern schon führend", betont Knickel. So kämen wichtige Teile der Internationalen Raumstation ISS aus Deutschland. "Auch bei unbemannten Raumflügen hat Europa zum Beispiel mit der Mission "Mars Express" sowie (den Teleskopen) Herschel und Planck unterstrichen, dass es in wichtigen Bereichen eine Führungsrolle übernehmen kann."

Große Projekte wie eine mögliche Mars-Mission in vielleicht 30 Jahren seien so teuer, dass kein einzelnes Land die Kosten stemmen könne, meint der Soldat mit russischstämmiger Lebensgefährtin in Hamburg. "Aber Deutschland könnte bei politischem Willen sein Engagement ausbauen." Er selbst wolle zunächst ein für März 2010 in Moskau geplantes 520-Tage-Experiment mitbetreuen. Dann soll erneut eine von der Außenwelt fast völlig isolierte Crew eine Mars-Mission simulieren. "Ich möchte den Kandidaten vieles von der Blauäugigkeit nehmen, mit der wir unser anstrengendes Experiment begonnen haben."

Noch in diesem Monat wird Knickel, der für die Tests in Moskau beurlaubt worden war, zur Bundeswehr zurückkehren. Dass Verteidigungsminister Franz Josef Jung großes Interesse am Verbleib des gelernten Maschinenbauingenieurs bei der Truppe hat, zeigt eine SMS des CDU-Politikers. Nur 30 Minuten nach dem Ende des 105-Tage-Experiments schickte Jung eine persönliche Gratulationsbotschaft an das Mobiltelefon von Knickel. "Das hat mich gefreut", gesteht der Soldat. "Immerhin ist es nicht alltäglich, dass ich als einfacher "Wald-und-Wiesen-Hauptmann" eine SMS vom obersten Dienstherrn bekomme."

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