Ärzte Zeitung online, 12.08.2009

Hungertod von Dreijähriger bringt Jugendamt unter Druck

THALMÄSSING/NÜRNBERG (dpa). Nach dem Tod eines drei Jahre alten Mädchens im bayerischen Thalmässing ist das zuständige Jugendamt in Roth erheblich unter Druck geraten. Leiter Manfred Korth wies allerdings am Mittwoch Vorwürfe einer Kinderhilfsorganisation und von Anwohnern zurück, die Behörde habe die Betreuung der vierköpfigen Familie zu früh beendet.

Bei einem unangemeldeten Besuch eines Betreuers im November 2008 habe der Mitarbeiter intakte Verhältnisse vorgefunden. "Für die Kinder hatte keine Gefahr bestanden", sagte Korth. Seitdem habe es keinen Kontakt der Behörde mit der Familie gegeben, berichtete der Amtschef. Die Familie sei zuvor mehr als zwei Jahre lang intensiv betreut worden.

Das drei Jahre alte Mädchen war unter den Augen seiner Eltern verhungert. Das Kind starb nach Angaben der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth am Montag in einer Klinik an Unterernährung. Die Eltern hatten wegen des bedrohlichen Gesundheitszustands des Kindes am vergangenen Wochenende einen Notarzt gerufen; dieser hatte Hinweise auf eine Unterernährung gefunden.

Gegen die 26-jährige Mutter und den drei Jahre älteren Vater sei Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassung ergangen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der 29-Jährige sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Die Mutter liegt mit einer schweren Erkrankung in einer Klinik.

Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass das Kind über längere Zeit wenig oder gar nichts zu essen bekam. Darauf wiesen die Ergebnisse der Obduktion hin, berichtete der Sprecher der Anklagebehörde, Thomas Koch, am Mittwoch. Ein Anlass für Ermittlungen gegen das zuständige Jugendamt sieht Koch nicht. "Es gibt keinen Hinweis auf ein Mitverschulden der Behörde."

Seinen Angaben zufolge war die Familie nach ihrem Umzug vom knapp 40 Kilometer entfernten Schwabach nach Thalmässing im Januar 2005 bis zum April 2007 sozialpädagogisch betreut worden. Zweimal die Woche habe ein Mitarbeiter einer beauftragten Sozialorganisation bei der Familie nach dem Rechten gesehen. "Das war allerdings rein vorbeugend", betonte Korth.

Die Frau hatte sich laut Korth zuvor in Schwabach von ihrem früheren Partner getrennt; die beiden aus dieser Beziehung stammenden Kinder waren auf Druck des Jugendamtes in einem Heim untergebracht worden. Nach der Geburt des dritten Kindes, einem heute vier Jahre alten, gesunden und ordentlich ernährten Jungen, sei man der Auffassung gewesen, die Familie könne durchaus eine gewisse Betreuung gebrauchen. Im April 2007 sei diese Betreuung aber eingestellt worden.

Der Vater des 2006 geborenen verhungerten Mädchens versuchte vor dem Vorfall, nach außen den Eindruck einer intakten Familie zu erwecken. Auf einer Internetseite berichtet der 29 Jahre alte Lastwagenfahrer von seinen "hübschen Kindern, auf die ich sehr stolz bin". Neben Lastwagen und Modellbau zähle auch die Familie zu seinen Hobbys. "Ich bin sehr glücklich verheiratet", heißt es auf der Internetseite weiter.

Auf Bildern präsentiert sich der inzwischen Inhaftierte mit der später verhungerten Tochter auf dem Schoß. Über sich selbst schreibt der 29-Jährige: "Ich bin ein aufgeschlossener Mensch. Man kann mit mir sehr viel Spaß haben. Allerdings sollte man mich nicht verarschen, da ich sonst sehr schnell sauer werden kann."

Unterdessen warf die Deutsche Kinderhilfe dem zuständigen Jugendamt vor, trotz erster Anzeichen von Vernachlässigung des dreijährigen Mädchens auf weitere Hausbesuche verzichtet zu haben. Die Organisation forderte daher neben einem Kinderschutzgesetz auch bundesweit einheitliche Qualitätsstandards für Jugendämter und freie Träger. Offenbar sperrten sich Kommunen aus Angst vor zusätzlichen Kosten gegen solche Standards, betonte das Kinderhilfswerk in einer Mitteilung.

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