Ärzte Zeitung online, 19.08.2009

Als die Lettern laufen lernten - Buchausstellung in München

MÜNCHEN (dpa). Dieses sinnlose Anhäufen von Wissen, diese Flut von Informationen, dieser Verlust von Qualität - was sich anhört, wie eine aktuelle Kritik des Internetzeitalters, ist so oder ähnlich schon vor weit mehr als 500 Jahren geschimpft worden. Denn damals steckte der Buchdruck in den Kinderschuhen. Dass der Übergang von der Handschrift zum Druck keineswegs so problemlos und plötzlich gelang, wie heute oft geglaubt wird, dokumentiert seit Dienstag eine Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Unter dem Titel "Als die Lettern laufen lernten - Medienwandel im 15. Jahrhundert" geben bis zum 31. Oktober rund 90 Exponate einen Einblick in die Wiegenzeit des Buchdrucks.

"Man kann viele der Auseinandersetzungen zu dieser Zeit auf die Situation heute übertragen, auch damals war Kulturpessimismus zu spüren", sagt Ausstellungskuratorin Bettina Wagner. Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts fand ein radikaler Gesellschaftswandel statt: Plötzlich wurden Bücher weniger exklusiv und billiger, Bildung verbreitete sich auch außerhalb der Klöster und Adelshäuser, ein internationaler Buchhandel entstand. Und das Wissen wuchs. Wagner: "Das kann man schon mit der Entwicklung des Internets vergleichen."

Wie sich all das abspielte, kann die Staatsbibliothek bestens zeigen, denn sie hat mit 20 000 Exemplaren die weltweit größte Sammlung von sogenannten Wiegendrucken - frühen Drucken, die bis zum Ende des Jahres 1500 entstanden sind. Die Ausstellung zeigt, dass ähnlich wie heute ein Medium nie spontan durch ein anderes abgelöst wird. Die gedruckten Bücher wurden mehr, aber die Handschriften starben keinesfalls sofort aus, erklärt Wagner. Lange Zeit existierte beides gemeinsam. Gedrucktes wurde per Hand ausgeschmückt, Holzschnitte lieferten Bilder zwischen den Buchstaben, neue Techniken wurden entwickelt. Das Schriftbild beim Drucken orientierte sich lange Zeit an den Handschriften.

Unter den gezeigten Büchern sind zahlreiche Schmuckstücke wie eine original Gutenberg-Bibel, Kostbarkeiten, von denen es sonst keine oder nur noch wenige Exemplare gibt. Aber auch der Alltag des Buchdrucks ist Thema. Gedruckte Werbe-Handzettel machen zum Beispiel deutlich, wie Bücher an den Leser gebracht wurden. Ein Verkäufer kündigt etwa an, wann er in der Gaststätte "Zum wilden Mann" seinen Bücherstand aufbauen wird.

Etwa 30 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks hatten sich erste Standards gebildet, die bis heute zum Teil gültig sind, erklärt Wagner. Dazu gehört etwa die Titelseite mit dem Namen des Druckhauses. Der Blick in die Vergangenheit erlaubt daher manchmal auch einen Blick in die Zukunft, meint Wagner: "Vielleicht werden wir in 30 Jahren auch soweit sein, dass wir nur noch E-Books lesen."

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