Ärzte Zeitung online, 31.08.2009

"Akute Vergiftung": Michael Jackson wurde getötet

LOS ANGELES/HAMBURG (dpa). Der "King of Pop" ist getötet worden - so lautet das amtliche Ergebnis der Gerichtsmedizin von Los Angeles. Michael Jackson wurde am 25. Juni nicht Opfer eines tragischen Unfalls, sondern eines Tötungsdelikts. Eine "akute Vergiftung" mit dem Narkosemittel Propofol, dessen Wirkung durch Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) noch verstärkt wurde, war die Ursache für das Herzversagen, gab der zuständige Gerichtsmediziner am Freitag bekannt.

Ob ein Vorsatz für das Tötungsdelikt vorlag oder Jacksons Tod im Alter von nur 50 Jahren durch Nachlässigkeit verursacht wurde, muss nun die Justiz klären. Der Tod des Popstars, wenige Tage vor dem geplanten Beginn seiner Comeback-Auftritte in London, hatte Millionen Menschen in aller Welt schockiert. Jackson wäre an diesem Samstag 51 Jahre alt geworden.

Außer dem Anästhetikum Propofol trug auch das Medikament Lorazepam "primär" zu seinem Tod bei, stellten die Gerichtsmediziner fest. Lorazepam, das in Deutschland unter anderem unter dem Handelsnamen Tavor® vertrieben wird, wirkt gegen Angstzustände. Die gerichtsmedizinische Untersuchung wies Spuren vier weiterer Medikamente nach, darunter die Beruhigungsmittel Diazepam (Valium®) und Midazolam (Dormicum®). Der komplette Autopsiebericht sowie der toxikologische Befund bleiben auf Antrag der Polizei und des Staatsanwalts unter Verschluss.

Jacksons Familie lobte die Arbeit der Gerichtsmediziner wie auch der Polizei in einer knappen Erklärung: Wir "warten auf den Tag, an dem der Gerechtigkeit Genüge getan wird".

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht Jacksons Privatarzt Conrad Murray. Dessen Anwalt, Edward Chernoff, tat den Bericht der Gerichtsmediziner am Freitagabend mit den Worten ab, er "enthält keine Neuigkeiten". Sein Mandat werde nicht darauf eingehen, bevor er "den kompletten Autopsiebericht mit der vollständigen Liste aller Medikamente und den Mengenangaben erhält, die unabhängigen Experten eine eigene Analyse und Interpretation der Daten erlaubt".

Murray hatte in einem jetzt veröffentlichten Polizeiprotokoll zugegeben, Jackson auf dessen Verlangen Propofol verabreicht zu haben. Der Sänger litt an schweren Schlafstörungen und hatte in der Nacht vor seinem Tod trotz der vielen Beruhigungspillen keine Ruhe finden können. Murray gab in der Polizeivernehmung zu, dass er dem Sänger über viele Wochen hinweg täglich 50 Milligramm Propofol zum Schlafen gegeben hatte. Jackson nannte das starke Betäubungsmittel wegen seiner weißlichen Farbe "meine Milch".

Propofol wird normalerweise nur vor Operationen oder auf der Intensivstation im Krankenhaus gespritzt und erfordert die ständige Überwachung des Patienten. Dennoch ging Murray nach der Injektion von Propofol eigenen Angaben zufolge kurz zur Toilette und ließ Jackson allein. Bei seiner Rückkehr habe der Popstar nicht mehr geatmet. Seine Wiederbelebungsversuche scheiterten, erklärte der Kardiologe der Polizei. Statt umgehend über den Notruf 911 Hilfe anzufordern, ließ er dem Polizeibericht zufolge 82 Minuten verstreichen. Nachforschungen ergaben, dass er in dieser Zeit drei Gespräche von insgesamt 47 Minuten Dauer über sein Mobiltelefon führte.

Die Generalstaatsanwaltschaft von Los Angeles kündigte an, sie werde auf Bitten der Polizei auch andere Ärzte überprüfen, bei denen Jackson in den vergangenen Monaten in Behandlung gewesen sein könnte. Der Popstar hat seit Jahren einen stets wechselnden Medikamentencocktail zu sich genommen - meist eine Mischung aus Schlaf- und Beruhigungsmitteln, sowie Angst- und Stresslösern beziehungsweise Antidepressiva.

Stichwort Propofol

Der Wirkstoff Propofol wird im deutschsprachigen Raum unter Handelsnamen wie Disoprivan® und Recofol® vertrieben, in den USA auch als Diprivan. Es handelt sich um ein Narkosemittel - "eines der sichersten überhaupt", erklärt Jörg Fechner, Geschäftsführender Oberarzt der Anästhesiologischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen. Die Verwendung bei Operationen oder Untersuchungen sei ein millionenfach angewendetes Standardverfahren.

Als Droge missbraucht wird Propofol, weil es euphorisierend wirkt und angenehme Träume auslösen kann. Zudem mildert es Übelkeit, erläutert Fechner. Propofol kann abhängig machen. Gefährlich ist auch eine Überdosierung. Sie kann zu Herzversagen und Atemstillstand führen. Eine Wechselwirkung mit Opiaten verstärkt die Nebenwirkungen. Vor allem die Wahrscheinlichkeit für einen Atemstillstand nimmt dann Fechner zufolge zu.

Propofol darf laut der Fachinformation des Herstellers nur von anästhesiologisch oder intensivmedizinisch ausgebildeten Ärzten verabreicht werden. Die Herz-, Kreislauf- und Atemfunktion muss regelmäßig überwacht werden. Geräte zur Freihaltung der Atemwege des Patienten, zur Beatmung und zur Wiederbelebung sollten jederzeit verfügbar sein.

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