Ärzte Zeitung online, 09.09.2009

Welt-Suizid-Präventionstag am 10. September

BERLIN (dpa). Es ist ein düsteres Thema für einen sonnigen Spätsommertag. "Selbsttötung" druckt Künstlerin Anja Sommer in schwarzen Lettern auf eine alte Tür. Sie bereitet eine Ausstellung vor, die das Phänomen Selbstmord als wissenschaftlich-künstlerische Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit tragen will.

Zum Welt- Suizid-Präventionstag am 10. September symbolisieren alte Haustüren mitten in Berlin den freiwilligen Ausstieg aus dem Leben. Auf dem Rasen des Charité-Geländes nahe dem Medizinhistorischen Museum stehen sie für mehr als 9000 Menschen, die sich in Deutschland jedes Jahr umbringen. "Sterben wollen" heißt die Ausstellung. Sie versteht sich als "Denkraum" für das Tabu-Thema Suizid.

Im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität (HU) sitzt Dozent Falk Blask inmitten von Bücherregalen. Eines ist gefüllt mit Literatur zum Thema Selbstmord. Doch kulturhistorische Bücher helfen wenig, wenn sich der beste Freund umbringt. Drei Jahre sei das nun her, sagt Blask. "Ich war damit völlig überfordert." Selbstvorwürfe quälten ihn, die Suche nach Andeutungen oder Vorboten begann. "Doch da war nichts", sagt Blask. Sie hatten in all den Jahren ihrer Männerfreundschaft über vieles gesprochen, aber nie über den Tod.

Beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ist der Tod wohlsortiert. Es gibt Tabellen über Selbstmord-Zahlen. Jeder 100. Mensch scheide heute in Deutschland freiwillig aus dem Leben, resümiert Volkswirt Stefan Rübenach im jüngsten Behördenaufsatz dazu. "Das Thema wurde lange Zeit totgeschwiegen, obwohl es einen bedeutenden Teil der Todesursachenstatistik ausmacht."

Beim Berliner Krisendienst wissen die Mitarbeiter, dass der Entschluss zum Suizid unabhängig ist von Alter, Bildung, Beruf und Einkommen. Trennungsschmerz, familiäre Konflikte, Einsamkeit, Krankheit oder Sucht können Auslöser sein. Häufig gehe es gar nicht um den Wunsch zu sterben, sagen Experten von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Vorherrschend sei das Gefühl, so wie bisher nicht weiterleben zu können. Männer machen auf die harte Art Schluss, Frauen lassen sich oft noch einen Rettungsweg offen. Die Zahl der Selbstmordversuche in Deutschland wird auf mehr als 100 000 geschätzt - Statistiken erfassen sie nicht.

Den Ethnologen Falk Blask ließ das Thema Suizid nicht los. Schließlich bot er ein Uni-Seminar an: "Die Sehnsucht nach dem Tod". Er schrieb es für 15 Teilnehmer aus und machte vorsichtshalber klar: Geplant sei weder eine Betroffenheits-Veranstaltung noch Anleitung zum Suizid. "Als ich zur ersten Stunde kam, saßen da 90 Leute", sagt Blask. "Und niemand war bereit, wieder zu gehen." Die Ausstellung, die nun als Kooperation der HU-Ethnologen und der Universität der Künste entstand, ist ein Ergebnis des ungewöhnlichen Seminars.

Heute weiß Blask, dass viele seiner Studenten ähnliche Erfahrungen haben wie er: Freunde, Eltern oder Geschwister nahmen sich das Leben. Doch an der Universität ging es nicht um das Warum. Es ging um die Frage, wie sich Medien und Gesellschaft mit dem Thema Suizid auseinandersetzen. Das Ergebnis beschreibt eine junge Ethnologin mit dem Wort "Umgangslosigkeit". Es gebe dicke Schlagzeilen, das große Drama, Betroffenheitsgesten und wilde Spekulationen. "Aber einen normalen Umgang mit dem Thema Suizid gibt es nicht. Das prangern wir an", sagt sie.

Die Ausstellung "Sterben wollen - Denkraum Suizid" lädt zum Nachdenken ein. Auf einer alten Tür gibt es den Abschiedsbrief eines 19-Jährigen aus dem Jahr 1930 zu lesen. "Ich sehe vollkommen ein, dass ich ein schlechter Mensch war", schreibt er. "Ich habe eben nicht die Kraft mich zu bessern. Am meisten hasse ich mich selbst." Der Mann brachte sich um, weil er sich als Homosexueller nicht akzeptiert fühlte.

Seine Tat verstehen Ethnologen und Künstler als Beispiel für den Leidensdruck, den jedes Gefühl von Ausgegrenztsein bis heute erzeugen kann. Die Türen der Ausstellung können Besucher aber auch als Eingang zurück ins Leben verstehen, als Einladung, über scheinbar ausweglose Situationen und Selbstmordgedanken zu sprechen oder anderen besser zuzuhören.

Die Studenten wissen, dass ihre Ausstellung, die bis zum 9. Oktober kostenlos zu sehen ist, polarisieren kann. Falk Blask schreckt das nicht. Er will auch eine Tür, auf der außerhalb der Klinikzäune Selbstmörder-Witze zu lesen sind. "Es darf auch gelacht werden", versichert er. "Das Tragische, das Dramatische und das Absurde liegen oft so eng zusammen."

www.sterbenwollen.de;

www.suizidprophylaxe.de

www.suizidpraevention-deutschland.de)

Ausstellung: Außengelände Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin

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