Ärzte Zeitung online, 17.09.2009

300 Jahre alte Föten-Mumien geröntgt

KASSEL (dpa). Mumifizierte Föten aus dem 18. Jahrhundert wurden im Kasseler Klinikum mit einem Computertomografen (CT) untersucht. "Die fünf Mumien sind bei uns schon lange im Bestand, wurden aber erst vor drei Jahren wiederentdeckt. Jetzt ging es uns darum, mehr über sie zu erfahren", sagte der Leiter des Kasseler Naturkundemuseums Ottoneum, Kai Füldner.

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Im Auftrag des Kasseler Naturkundemuseums wurden fünf mumifizierte Frühgeburten aus dem frühen 18. Jahrhundert medizinisch untersucht.

Foto: dpa - Bildfunk

Die mumifizierten Fehlgeburten waren vermutlich als Anschauungsobjekte für Studenten präpariert worden. "Die Aufnahmen sind brillant. Aber allein daraus können wir sicher keine Krankengeschichte erstellen", sagte Oberarzt Ralf Löschhorn. "Aber trotzdem geben sie uns wichtige Hinweise auf das Leben vor 300 Jahren."

Über die fünf mumifizierten Frühgeburten weiß man fast nichts. "Wir sind uns noch nicht einmal sicher, wie alt die Mumien sind", sagt Füldner. "Wahrscheinlich ist ein Zeitraum zwischen 1700 und 1730, weil man vorher kaum mumifiziert und hinterher in Alkohol eingelegt hat."

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Foto: dpa - Bildfunk

Klar ist nur, dass die Präparate Anschauungsobjekte für Studenten waren. "Dann müssen sie in unser Depot gekommen und irgendwie hinten in die letzte Ecke gekrempelt worden sein. Wir haben sie erst vor drei Jahren entdeckt."

"Wir wissen auch nicht, wie die Körper mumifiziert wurden", sagt Wilfried Rosendahl, Leiter des "German Mummy Project". "Weil sie so stark getrocknet sind, vermuteten wir sie als Salzmumien. Wir fanden auch kristalline Spuren, aber nicht Salz."

Jetzt vermutet der Mannheimer Wissenschaftler eine seltenere Methode, Körper haltbar zu machen: "Zucker! Zuweilen hat man damals auch eine Zuckerlösung benutzt." Wann genau dieses "damals" war, weiß aber auch er nicht: "Wir haben es mit der bewährten Radiokarbonmethode versucht und kamen auf 1000 Jahre. Unmöglich! Aber leider verfälschen Verschmutzungen immer wieder solche Untersuchungen."

"Kassel I" bis "Kassel V" heißen die fünf Jungen und Mädchen. Die Totgeburten lebten nur bis zur 30. bis 40. Schwangerschaftswoche. Zusammengekrümmt liegen sie in der Radiologie, braungrau und so filigran, als würden sie gleich zu Staub zerfallen. Bei "Kassel III" liegt die Wirbelsäule offen, bei "Kassel I" ist der Schädel nicht geschlossen und "Kassel V" besteht sogar nur aus einem Kinderkopf, der geöffnet und präpariert wurde. Alles für die Wissenschaft, heute wie vor 300 Jahren.

""Die Aufnahmen sind brillant. Aber allein daraus können wir sicher keine Krankengeschichte erstellen", sagt Oberarzt Löschhorn. Die 124 Bilder, die sich auf seinem Bildschirm zu einem plastischen Modell zusammensetzen, sagen dem Arzt dennoch einiges. "Klares Bild vom Skelett, Schädelknochen offen, muss nicht zu Lebzeiten passiert sein", murmelt der Mediziner mehr zu sich selbst. Mumienforscher Rosendahl lässt den Bildschirm nicht aus den Augen. "Früher hat man Mumien ausgewickelt und zersägt. Dank des CT können wir sie komplett erhalten und erfahren dennoch alle Details." Denn auch eine 300 Jahre alte Leiche könne erzählen: "Wir können nicht nur Knochen, sondern auch Weichteile untersuchen. Wie haben die Menschen gelebt, wie gelitten? Welche Krankheiten hatten sie? Was haben sie gegessen und haben sie Drogen genommen? All das können sie uns erzählen."

Im November sollen die Kasseler Mumien im Ottoneum zu sehen sein, zusammen mit gut 50 anderen Mumien, darunter auch Tieren, aus allen Teilen der Welt. Im nächsten Jahr geht die Ausstellung in die USA. "Es ist mehr als Wissenschaft, man wird auch berührt", sagt Füldner, plötzlich sehr nachdenklich. "Da ist eine 1000 Jahre alte Mumie und man sieht heute noch: Das war eine schöne Frau." Und auch die fünf Frühgeburten: "Wie enttäuscht müssen die Eltern gewesen sein? Aber wir wissen ja noch nicht einmal, ob die Mutter die Geburt überlebt hat."

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