Ärzte Zeitung, 09.11.2009

Polens Gesundheitsministerium zettelt Neiddebatte an

Von Sebastian Becker

Mit zweifelhaften Zahlen will das polnische Gesundheitsministerium die Gehälter von Ärzten ins rechte Licht rücken. Die Ärzte-Gewerkschaften begehren dagegen auf.

WARSCHAU. In Polen streiten sich die Regierung und die Gewerkschaften ums Geld - wieder einmal. Und diesmal geht es um die Statistiken, aus denen hervorgeht, wie viel die Ärzte verdienen. Folgt man den Zahlen des polnischen Gesundheitsministeriums, wären die Einkünfte der Mediziner gar nicht mal so schlecht - der Kritik an den katastrophalen Arbeitsbedingungen der Ärzte und der mangelhaften Versorgung der Patienten zum Trotz. "Wir protestieren gegen diese Desinformationsaktion, die die Entlohnung von Medizinern betrifft," heißt es in einem Schreiben der Ärzte-Gewerkschaften OZZL.

Der Grund für den Streit: Eine Studie des polnischen Gesundheitsministeriums, das die Gehälter der Mediziner benennt. Wie das polnische Nachrichtenmagazin "Wprost" berichtet, kann ein polnischer Oberarzt im Durchschnitt mit einem monatlichen Gehalt von 9642 Zloty (etwa 2410 Euro) rechnen. Im Jahr kommt der Mediziner damit auf etwa 28 900 Euro. Zum Vergleich: Sein deutscher Kollege erhält mindestens 6000 Euro monatlich oder 72 000 Euro im Jahr - wenn man die Tarifeinigung des Marburger Bundes mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeber (VkA) zugrunde legt.

Wenn man berücksichtigt, dass der allgemeine Durchschnittslohn in Polen etwa 3270 Zloty (rund 780 Euro) beträgt, dann ist diese Summe nicht schlecht - zumal die Lebenshaltungskosten in dem jungen EU-Land im Durchschnitt geringer als in Deutschland sind. In Polen wecken die Einkünfte der Mediziner Emotionen - und zwar bei Ärzten, Politikern und Patienten gleichermaßen.

Denn das Gesundheitssystem in Polen ist unzureichend finanziert, und die Kranken werden in den staatlichen Spitälern und Gesundheitseinrichtungen nur sehr schlecht versorgt. Wer ein akutes Problem hat, muss in eine private Praxis gehen, weil er anderenfalls monatelang auf einen Termin warten müsste.

Die Ärzte dagegen klagen über Arbeitsüberlastung. 83 Prozent der Mediziner müssen länger arbeiten, als das EU-Recht für angestellte Ärzte vorsieht. Jeder Zehnte kümmert sich um die Patienten rund 13 Stunden am Tag - und zwar auch an den Wochenenden. Und jeder Zwanzigste bis zu 18 Stunden. Es kommt auch vor, dass ein Arzt sogar 30 Stunden Dienst ableisten muss, berichtet das Ärzte-Portal "Konsylium24.pl".

Gewerkschaftsboss geht von ganz anderen Zahlen aus

Folgt man nun der Studie des Gesundheitsministeriums, liegt die Entlohnung für diese Strapazen auf einem überdurchschnittlichen Niveau: Das gelte für Oberärzte und für Fachärzte: Deren Gehälter liegen zwischen 6600 und 7200 Zloty (1650 und 1800 Euro) im Monat. Doch nicht nur die Besserverdienenden berücksichtigt das Gesundheitsministerium in der Studie, sondern auch Ärzte ohne Spezialisierung, die monatlich umgerechnet etwa 1290 Euro erhalten.

Für Gewerkschaftsboss Krzysztof Bukiel von der KOZZL sind diese Zahlen unglaubwürdig. "Dass es möglich ist, so viel zu verdienen, kann man bezweifeln." Nach Schätzungen der KOZZL verdient ein Facharzt nicht mehr als 4000 Zloty (rund 1000 Euro) je Monat. "Wir fordern, dass ein Facharzt bis zu dreimal mehr als den Durchschnittslohn einnehmen kann", sagt Bukiel. Das wären rund 2340 Euro. Es dürfte angesichts der schwierigen Arbeitsbedingungen der Ärzte nicht die letzte Forderung gewesen sein.

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