Ärzte Zeitung online, 23.09.2009

Gedächtnistraining mit den Kellnern in Buenos Aires

BUENOS AIRES (dpa). Mehr als 15 verschiedene Kaffee-Sorten stehen auf der Karte, dazu Tees, Säfte, Limonaden und Speisen aller Art - aber Omar Velusio vertut sich nie. "Die Bestellungen von bis zu fünf Tischen kann ich mir ohne Probleme merken", sagt der Kellner, "danach wird es dann ein bisschen komplizierter, besonders wenn die Gäste auch essen. Aber mit meiner Erfahrung geht das schon."

Seit 14 Jahren arbeitet Velusio im Café de los Angelitos, einem der traditionsreichen Kaffeehäuser in Buenos Aires, in dem schon der Schriftsteller Jorge Luis Borges seinen café con leche (Milchkaffee) getrunken haben soll. Stets bedient Velusio adrett gekleidet mit Hemd, Weste und Fliege - aber immer ohne Notizblock. "Das ist hier Tradition."

Auch sein Kollege Jorge Osuna, der im traditionellen Café Richmond in der Fußgängerzone der argentinischen Hauptstadt bedient, notiert sich die Bestellungen seiner Gäste nicht. "Anfangs war es manchmal schwierig, sich das alles zu merken. Aber jetzt - nach 22 Jahren - ist das überhaupt kein Problem mehr für mich." Kellner in Buenos Aires, zumindest die in den traditionellen Kaffeehäusern, benutzten eben keine Notizblöcke, sagt der 54-Jährige. "Das hat sich so entwickelt. Als es noch keine modernen Kassen gab, funktionierte alles eh nur auf Zuruf. Heute gäbe es ja moderne Kassen, aber nun ist das eben eine Sache der Ehre."

Inzwischen eilt den Kellnern ihr Ruf voraus, und ihr gutes Gedächtnis hat es bis zum wissenschaftlichen Untersuchungsobjekt geschafft. "Ich wollte schon immer mal eine Studie über diese Kellner machen", sagt der argentinische Erkenntnis-Forscher Tristan Bekinschtein, der heute an der Universität Cambridge arbeitet, "ihre Fähigkeit, sich die vielen Bestellungen zu merken, hat mich schon als Kind sehr beeindruckt."

Gemeinsam mit zwei Kollegen aus Buenos Aires startete der 33-Jährige schließlich vor wenigen Jahren ein Experiment und veröffentlichte die Ergebnisse im Fachblatt "Behavioural Neurology". Seine Erkenntnis: "Die Kellner benutzen eine Strategie, die wir 'chunking‘ (in kleinere Teile zerlegen) nennen. Sie merken sich die Person, deren Platz am Tisch und die Bestellung und verlinken diese drei Dinge im Kopf miteinander. Das machen sie außergewöhnlich schnell." All das sei eine Sache der Erfahrung. "Die meisten der Kellner, mit denen wir gesprochen haben, wurden nie wirklich eingearbeitet und sie verfolgen auch keine bewussten Strategien, um sich die Dinge zu merken. Das kommt einfach mit den Jahren."

Im Experiment setzten Bekinschtein und seine Kollegen acht Menschen an einen Tisch und ließen sie verschiedene Dinge bestellen. "Wir haben immer darauf geachtet, dass die Versuchspersonen sich ähnlich sind und nicht ausgefallen angezogen, um das Ergebnis nicht zu verfälschen", erzählt Bekinschtein. "Und sie durften natürlich nichts Ungewöhnliches bestellen - Whisky mit Olive obendrauf ging nicht". Die normalen Bestellungen waren für die ohne ihr Wissen getesteten Kellner kein Problem, aber auch wenn die Versuchspersonen nach der Bestellung die Stühle wechselten, gab es vergleichsweise wenige Fehler.

Aufgrund ihrer langen Erfahrung sei das Gedächtnis der Kellner in Buenos Aires außergewöhnlich, sagt Bekinschtein - von ihnen lernen könne man aber trotzdem. "Die aktuelle Forschung zeigt, dass wer insgesamt schärfer denken will, nicht nur gut schlafen und gesund leben, sondern sich auch täglich ein paar Gedächtnisaufgaben stellen sollte."

Wichtig sei, dass diese Aufgaben unterschiedliche Bereiche des Gehirns trainierten. "Nur Sudoku bringt nichts - man könnte zum Beispiel mal wieder das gute alte 'Memory‘ spielen, das ist nämlich auch 'chunking‘, wie bei den Kellnern." Oder sich damit trösten, dass auch die Kellner in Buenos Aires nicht unfehlbar sind. "Manchmal irre ich mich", gibt Jorge Osuna aus dem Café Richmond zu, "meistens bei den Nudelsoßen".

Zum Volltext der Studie "Strategies of Buenos Aires waiters to enhance memory capacity in a real-life setting"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »