Ärzte Zeitung online, 06.10.2009

Schwerkranker Schlingensief startet Lesereise

FRANKFURT/MAIN (dpa). Vom Lungenkrebs schwer gezeichnet hat Christoph Schlingensief (48) in Frankfurt die Benefiz-Lesereise für sein Projekt "Festspielhaus Afrika" begonnen. Die rund 800 gerührten Zuschauer im so gut wie ausverkauften Großen Saal des Schauspiels Frankfurt erlebten am Montagabend einen tapferen und teils heiteren Schlingensief.

Mit dem Vorlesen aus seinem Kranken-Tagebuch "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" hielt sich Schlingensief indes nur einen Bruchteil der zweieinhalbstündigen Bühnen-Performance auf. Vor allem erzählte der Aktionskünstler, Theater-, Film- und Opernregisseur viel - auch über seinen jüngsten Rückfall. "Es macht einen super fertig und traurig", sagte Schlingensief über die neu entdeckten Metastasen in seinem noch verbliebenen Lungenflügel.

Vor seinem Laptop sitzend, mit dem er Video-Einspieler auf die Leinwand warf, ließ der sehr dünn gewordene Schlingensief - fast wie ein Vermächtnis - sein künstlerisches Lebenswerk im Schnelldurchlauf Revue passieren. Der in Berlin lebende Künstler zeigte sich zum Beispiel als Aktionisten seiner Partei "Chance 2000", wie er 1998 mit allen Arbeitslosen in den Wolfgangsee steigen will, um Helmut Kohls Ferienhaus zu fluten. Er brachte auch einen Einspieler über seinen 2000 in Wien aufgestellten "Ausländer Raus!"- Container oder erzählte Anekdoten über seine missglückte Zusammenarbeit mit dem Wagner-Clan, als er 2004 am Grünen Hügel den "Parsifal" inszenierte.

Erst gegen Ende der Show kam das einstige Enfant terrible, das sich Spitzen gegen Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) nicht verkneifen konnte, auf den Grund seiner Benefiz-Lesung zu sprechen: Sein Afrika-Projekt, das ihm eine Herzensangelegenheit ist. In Burkina Faso will er ein Festspieldorf gründen - mit einer Schule mit Musik- und Filmklassen, einer Krankenstation und einem großen Festspielhaus. Dafür sucht Schlingensief noch reichlich Unterstützer. Die Karteneinnahmen in Frankfurt kamen komplett dem Projekt zugute.

Weitere Termine: 10.10. Thalia Theater Hamburg, 18.10. Theater Freiburg, 20.10.2009 Kammerspiele München, 23.10. Staatsschauspiel Dresden, 28.10.2009 Zürich, Pfauen

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