Ärzte Zeitung online, 04.01.2010

Fit im Orbit - Astronauten müssen kerngesund sein

BREMEN (cben). Wer ins All will, muss physisch und psychisch vollkommen auf der Höhe sein. Denn die Astronauten, die die umfangreichen Gesundheitstest bestanden haben, schweben in der Internationalen Raumstation ISS buchstäblich in höchster Gefahr: 400 Kilometer über dem Erboden attackiert Weltraumstrahlung ihre Körper. Neue Tests sollen nun verstehen helfen, wie viel Strahlung ein Mensch verkraftet, um auch lange Weltraum-Törns zu überstehen.

zur Großdarstellung klicken

Das Weltall ist kein gesunder Aufenthaltsort.

Foto: © Georg Lehnerer / fotolia.com

Das Weltall ist kein gesunder Aufenthaltsort. "Die kosmische Strahlung ist eine Gefahrenquelle für den Menschen im All, deren gesundheitliche Belastung die Dauer von Langzeitmissionen begrenzt", sagt Steffen Leuthold von der Bremer Firma OHB Systems. Das Bremer Unternehmen, die Kieler Uni und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben knun ein Messgerät namens "DOSIS" entwickelt, das bereits die ersten Daten aus dem europäischen ISS-Forschungsmodul "Columbus" Richtung Globus funkt. Die Forscher wollen wissen, wie die Astronauten sich vor der Strahlenbelastung schützen können und so ihre Aufenthalt im All verlängern können.

Auf der Umlaufbahn schützt das Erdmagnetfeld kaum vor Strahlung

Auf der Umlaufbahn der ISS ist der Schutz des Erdmagnetfelds vor der Strahlung wesentlich schwächer als auf der Erde und nur die dünne Außenhaut der Station schirmt einen Teil der Strahlung ab. Die kosmische Blechbüchse hat aber auch Räume, die besser gesichert sind, als die übrigen. "Hierher können sich die Astronauten dann zurückziehen, wenn die Strahlungsdosis zu hoch zu werden droht", erklärt Leuthold der "Ärzte Zeitung" den Nutzen des Geräts.

Das Problem sind die Langzeitflüge

Das Problem sind in der Tat die Langzeitflüge. Denn auf den bisher noch relativ kurzen Weltraumaufenthalten scheint die Raumstrahlung noch keinem der weltweit rund 800 Astronauten geschadet zu haben. Laut Volker Damann, dem Leiter der medizinischen Abteilung der Europäische Weltraumorganisation ESA, "haben wir bisher keine besonderen Häufungen von Krebs festgestellt. Das kann aber auch daran liegen, dass die Astronautenbewerber außergewöhnlich gesund sein müssen, um überhaupt zugelassen zu werden."

Eben erst hat die ESA nach der letzten Auswahl 1993 sechs neue Astronauten vorgestellt - fünf Männer und eine Frau. "Sie wurden nach umfangreichen medizinischen Tests unter 8500 Bewerbern ausgesucht", sagt Damann. Nach den psychologisches Checks waren noch 200 übrig. Sie verfügen über exzellente kognitive Fähigkeiten, können mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und kommen auch nicht ins Trudeln, wenn sie vor der Schwärze des Alls eine Entfernung korrekt abschätzen sollen.

Nach dem Assessment Center haben sie die Psychologen gleichzeitig von ihrer Durchsetzungskraft und ihrer Bereitschaft zur Unterordnung überzeugt, von ihrer klaren und richtigen Kommunikation und ihrer Team-Persönlichkeit. Blieben noch 50 Bewerber. "Erst jetzt folgen die wirklich medizinisches Tests", sagt Damann, "denn sie sind mit 10 000 Euro pro Bewerber teuer und mit Angiographie oder Darmspiegelung begeben wir uns auch auf ein ethisch unsicheres Feld, weil die Astronauten-Bewerber ja nicht krank sind. Da wollen wir nicht Hunderte untersuchen." Die Bewerber werden tagelang medizinisch auf den Kopf gestellt. "Wir untersuchen alles". Selbst wenn sie gesund sind, versucht man abzuschätzen, wann wer warum krank werden könnte.

Von ursprünglich 85 000 Bewerbern blieben 25 übrig

Schließlich blieben noch 25 Bewerber, die im Prinzip alle zum großen Flug fähig sind. Dann suchten die Offiziellen der ESA anhand professioneller Interviews die sechs Richtigen aus: Stimmt das Know How? Können sie das ISS-Programm gut nach außen vertreten? Sind sie politisch loyal? Passen sie zum Team? Fünf Männer und eine Frau im Alter zwischen 29 und 39 haben es geschafft und gehören nun zu den insgesamt 14 Astronauten der ESA. Jetzt stehen ihnen drei Jahre Spezialtrainings bevor, die zum Teil direkt auf die ein bis vier Missionen einer ESA-Astronautenkarriere zugeschnitten sind, für die sie nominiert werden.

Sind sie erst einmal auf der ISS, forschen sie weiter an der Frage, wie lange der menschliche Körper Weltraumaufenthalte akzeptiert. "Derzeit untersuchen die Astronauten Robert Thirsk und Frank DeWinne, ob und wie der Langzeitaufenthalt im All die dreidimensionale Wahrnehmung des Menschen beeinflusst," erklärt Steffen Leuthold. Zuvor tüftelten sie an Versuchen zum menschlichen Salz- und Flüssigkeits-Haushalt im All und gingen der Frage nach, wie sich Herz-Leistung und Blutdruck an die fehlende Schwerkraft anpassen. Der nächste Streich ist schon in Arbeit: das Flywheel von OHB - ein Trimm-Dich-Gerät gegen Muskel- und Knochenschwund der Astronauten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »