Ärzte Zeitung online, 07.10.2009

Elias Bierdel: Glückloser Cap-Anamur-Chef

AGRIGENT/KÖLN (dpa). Er hatte sich viel vorgenommen, als er in die großen Fußstapfen des Cap-Anamur-Vorsitzenden Rupert Neudeck trat. Aber schon nach knapp zwei Jahren an der Spitze der Kölner Hilfsorganisation war für den Journalisten und Entwicklungshelfer Elias Bierdel im Herbst 2004 Schluss. Zu Fall - und vor Gericht - brachte ihn die glücklose Rettungsaktion im Sommer 2004 vor Sizilien, als 37 Afrikaner aus Seenot gerettet und an Bord des Frachters "Cap Anamur II" gebracht wurden.

Die italienischen Behörden wollten die Flüchtlinge zunächst nicht an Land lassen. Drei Wochen kreuzte die "Cap Anamur II" medienwirksam vor der Küste Italiens, bis die Regierung in Rom schließlich zähneknirschend nachgab. In den deutsch-italienischen Beziehungen im Sommer 2004 kriselte es. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, für Bierdel eine bittere Zeit. Am Mittwoch dann die große Erleichterung: Nach gut drei Jahren Prozess im italienischen Agrigent auf Sizilien der Freispruch.

Für die Flüchtlinge war aber alles umsonst, wie Cap-Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken beklagt: "Praktisch alle Flüchtlinge wurden wieder abgeschoben." Bierdel war wegen angeblicher Beihilfe zu illegaler Einwanderung für fünf Tage in Untersuchungshaft gekommen - und sah sich auch heftiger Kritik in Deutschland ausgesetzt. Dem heute 48-Jährigen wurde vorgeworfen, sich bei der Rettungsaktion in Szene gesetzt und damit das Flüchtlingselend instrumentalisiert zu haben.

Bierdel war zum Zeitpunkt der Flüchtlingsrettung nicht an Bord des Frachters, sondern hatte sich extra dorthin bringen, später dann in Siegerpose ablichten lassen. Laut Cap Anamur hatte die Besatzung des Frachters in der schwierigen Situation ausdrücklich um Bierdels Anwesenheit gebeten. Der Beschuldigte selbst will die Arme nur zum Gruß gehoben haben. Er räumt aber auch Fehler ein. Eine Inszenierung oder gar einen Rechtsbruch weist er klar zurück. Er lasse sich nicht in die "Nähe von Kriminellen rücken".

Seit dem Drama lebte er als freier Journalist und Autor zunächst weiter in Köln. Die Geschehnisse vor Sizilien hat er in seinem Buch "Das Ende einer Rettungsfahrt" (2006) festgehalten. Ende 2008 zog der 48-jährige Vater von zwei Kindern nach Österreich um, wie Göken berichtet. Bierdel ist weiterhin Mitglied von Cap Anamur. Das Kölner Notärztekomitee reagierte am Mittwoch erleichtert auf das Urteil: "Es ist ein wichtiger Tag für die humanitäre Arbeit und ein Erfolg für die Menschlichkeit." Bierdel hatte jüngst auch die Organisation "borderline europe" mitgegründet. Der Verein will auf "das Massensterben an den EU-Außengrenzen" aufmerksam machen.

Auch wenn es zwischen Bierdel und Cap-Anamur-Gründer Neudeck zwischenzeitlich zum Streit kam, verteidigte ihn die Organisation bis zuletzt gegen Kritik. Bierdel-Anwalt Axel Nagler betont, sein Mandant habe im Verlauf des Prozesses immer wieder nach Sizilien fahren müssen, was ihn stark belastet habe. "Dabei war es von Anfang an völlig absurd, ihn nach einer humanitären Aktion wegen Schleusung anzuklagen." Auch beim Komitee Cap Anamur, das jüngst 30. Jubiläum feierte, hat der Fall tiefe Kratzer hinterlassen. Edith Fischnaller, seit Ende 2004 ehrenamtliche Vorsitzende, sagt: "Noch so eine Kampagne gegen uns würden wir wohl nicht verkraften."

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