Ärzte Zeitung online, 15.10.2009

Kaulitz und Co.: Frühe Prominenz als Albtraum

HAMBURG (dpa). Sex, Drogen und Depressionen - wer früh berühmt wird, kann vielem verfallen. Die Medien sind zurzeit voll von jungen Promis oder ehemaligen Jung-Stars, die leiden oder gelitten haben. Frühe Prominenz als Albtraum - das Phänomen ist weit verbreitet, wird aber wenig reflektiert. Ein Erklärungsversuch mit dem Hamburger Kommunikationswissenschaftler und Medienforscher Steffen Burkhardt.

An diesem Freitag (16.10.) schildert Sänger Bill Kaulitz (20) in der Fernsehdokumentation "100 Prozent Tokio Hotel" (RTL, 22.15 Uhr) die Schattenseiten seines Berühmtseins - Flucht in Drogen etwa, oder die Unmöglichkeit, ganz normal jemanden kennenzulernen.

In diesen Tagen sucht auch der ehemalige Fußballprofi und Ex-Nationalspieler Sebastian Deisler (29) wieder die Öffentlichkeit - er zog sich einst wegen Depressionen zurück. "Ich bin unglücklich geworden, als ich versucht habe, andere glücklich zu machen", sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit". Drei Millionen Zuschauer sahen vergangene Woche Deislers Auftritt bei "stern TV" mit Günther Jauch. Zudem ist ein Buch erschienen: "Sebastian Deisler: Zurück ins Leben".

"Bei Jungstars besteht die Gefahr, dass sie das Gefühl haben, nur für ihre Leistungen geliebt und anerkannt werden. Diese Reduktion auf Effizienz ist für die Entwicklung des Selbstwertgefühls problematisch", sagt Steffen Burkhardt von der Hamburg Media School.

"Viele landen in Entzugskliniken oder in der Psychiatrie, weil die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sie krank macht. Während ihre Altersgenossen sich in Beziehungen ausprobieren und aus Fehlern lernen können, findet dieser normale Lernprozess bei Jungstars nur begrenzt statt."

Schon für viele Erwachsene sei es unangenehm, ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören oder unvorteilhafte Fotos von sich zu sehen. "Wie schlimm muss es also erst für einen Heranwachsenden sein, der überall Aufnahmen von sich sieht? Und noch schlimmer: Der dem öffentlich produzierten Image jederzeit entsprechen muss?"

Irgendwann könne der Erwartungsdruck übermächtig werden. Ex- Kinderstar Britney Spears rasierte sich einst ihren Kopf kahl, als wollte sie schreien: "Ich bin nicht mehr euer blondes Püppchen!"

Burkhardt: "Als Prominenter ist man ein personifiziertes Markenprodukt, ein Symbolträger. Prominente werden nicht "idolisiert", weil sie so tolle Menschen sind, sondern weil sie als öffentliche Symbolträger auf etwas verweisen, was ihre Anhänger fasziniert." Das könne zum Beispiel, wie bei Bill Kaulitz, musikalische Kreativität sein, gepaart mit mangahafter Geschlechtslosigkeit.

Problematisch wird die Prominenz, wenn sich der Star soweit verändert, dass er seine Glaubwürdigkeit als Symbolträger verliert. Beispiel: Robbie Williams. Nach seiner Zeit als Teenie-Idol bei der Boygroup Take That feierte er auch Solo-Erfolge. "Er symbolisierte gute Popmusik in Kombination mit Humor und junger Maskulinität. Seine Fans liebten dieses "Markenpaket", doch für Williams wurde es immer schwieriger, seinem Image zu entsprechen. Er flüchtete sich in Drogen- und Alkoholexzesse, wurde immer fetter." Schließlich habe sich Williams zu einem "sehr klugen Schritt" entschlossen, sagt Burkhardt. Entzug, Therapie und Rückzug aus der Öffentlichkeit. Jetzt kommt er mit neuem Album zurück. Er sei einer der wenigen in der Entertainment-Branche, denen ein solcher Schritt gelungen sei.

"Vor allem mit dem Siegeszug des Fernsehens wurden immer mehr Teenie-Stars "geboren". Das Ganze gipfelt in der Castingshowkultur. Heute träumt fast jeder Jugendliche davon, groß rauszukommen." Diese infantile Sehnsucht nach dem Starsein bezeichnet Medienexperte Burkhardt in Anlehnung an die Kinderserie über eine Teenagerin, die ein Doppelleben als Schülerin und berühmte Sängerin führt, als "Hannah-Montana-Phänomen". "Teenies würden gerne wie Hannah aus der Alltagswelt ausbrechen und zum scheinbar sorglosen Star werden."

Burkhardts Fazit: Fernsehen und Medienindustrie nähren sehr stetig die Fantasie von Kindern mit dem Leistungsmythos: Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, kannst du es schaffen, dann wirst auch du berühmt und bist liebenswert. Um die Schattenseiten der Prominenz, den Erwartungsdruck und den verzweifelten Versuch, ein normales Leben zu führen, geht es dagegen in der Öffentlichkeit höchstens effektheischerisch - jedoch viel zu selten aufklärerisch.

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