Ärzte Zeitung online, 16.10.2009

Télécom-Suizide erschüttern Frankreich

PARIS (dpa). Eine Frau stürzte sich aus dem Bürofenster in der vierten Etage, ein Mann sprang von einer Autobahnbrücke, ein weiterer erhängte sich zu Hause - dies sind nur drei der 25 Mitarbeiter von France Télécom, die sich seit Anfang 2008 das Leben genommen haben. In Frankreich herrscht Entsetzen über die Selbstmordserie bei dem Telekommunikationskonzern.

Die Suizidquote im Unternehmen entspricht in etwa der der gesamten Bevölkerung. Die ist allerdings vergleichsweise hoch: In Frankreich kommen nach OECD-Angaben jährlich 17,6 Selbstmorde auf 100 000 Menschen, in Deutschland sind es 13. Das Land liegt international damit auf Platz sechs.

Besonders schockierend ist, dass in vielen Fällen ein direkter Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen bei France Télécom zu erkennen ist. Viele Mitarbeiter haben Abschiedsbriefe hinterlassen. "Ich werde mich umbringen... ich halte die Umstrukturierung nicht aus", schrieb eine junge Frau in einer E-Mail an ihren Vater, bevor sie sich aus dem Fenster stürzte. Der 51-Jährige, der von der Brücke sprang, war zwei Monate zuvor von seinem Verwaltungsposten in ein Callcenter versetzt worden. Auch im jüngsten Fall fand sich ein langer Brief, in dem der Autor sich über eine vergebliche Bewerbung auf einen anderen Posten enttäuscht zeigte.

"Ihr sollt Euch zwar totarbeiten, aber doch nicht gleich umbringen", hieß es zynisch auf einem Protestplakat, das ein Mann bei einer Demonstration in die Kameras hielt. Der Konzern, an dem der Staat noch 26,7 Prozent hält, steckt mitten in einer gewaltigen Umstrukturierung. Zahlreiche Kabeltechniker, die früher noch - wie der "Figaro" kürzlich schrieb - "wie ein Messias" in den französischen Haushalten empfangen wurden, sind überflüssig geworden. Wenn sie nicht entlassen werden, dann bleibt ihnen oft nichts anderes als ein Job im Telefonmarketing.

Seit 2006 hat France Télécom 22 000 Stellen gestrichen. Jeder dritte Beschäftigte ist schon mindestens einmal versetzt worden. Im ersten Halbjahr 2009 hat der Konzern wie seine europäischen Wettbewerber die Krise zu spüren bekommen. Der Gewinn war um 2,6 Prozent auf 8,82 Milliarden Euro zurückgegangen.

Die französische Regierung forderte das Unternehmen nachdrücklich auf, behutsamer mit seinen Mitarbeitern umzugehen. Konzerne, an denen der Staat beteiligt ist, müssten sich besonders vorbildlich verhalten, schrieb Wirtschaftsministerin Christine Lagarde nach dem jüngsten Selbstmordfall vom Donnerstag an mehrere Unternehmen. Die persönliche Lage der Beschäftigten solle künftig besser berücksichtigt werden.

Télécom-Chef Didier Lombard hat seinen Posten unterdessen behalten - nach Medienberichten aber auch nur, weil er schon nah an der Rente ist und sein designierter Nachfolger Stéphane Richard noch etwas Erfahrung sammeln soll. Richard rückte allerdings schon zur Nummer Zwei auf, nach dem der als sparwütig bekannte Louis-Pierre Wenès seinen Platz räumen musste. Lombard wurde in letzter Zeit mehrfach von seinen Mitarbeitern ausgebuht.

Im Internet hat sich ein Video mit einem Redeausschnitt verbreitet, das angesichts der Suizide zynisch klingt: "Wer noch glaubt, dass er sich einen Lenz machen kann, der irrt", hatte Lombard gesagt - und zwar ausgerechnet in der Filiale im bretonischen Lannion, wo sich mittlerweile zwei Mitarbeiter das Leben genommen haben.

Bis Ende Oktober hat das Unternehmen alle Versetzungen auf Eis gelegt. Es wurden neue Personalberater eingestellt, und in den oberen Etagen der Bürogebäude sollen sich die Fenster künftig nicht mehr öffnen lassen. Ob das ausreicht, verzweifelte Beschäftigte von ihrem Vorhaben abzubringen, kann niemand sagen.

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