Ärzte Zeitung, 24.11.2009
Ärztinnen durchleben Stress anders als ihre
Kollegen
Ärztinnen haben mehr und anderen Stress als ihre
Kollegen, verdienen weniger und arbeiten mehr zu Hause.
Von Simone Reisdorf

Foto: Comstock
DÜSSELDORF. Frauen im Allgemeinen und
Ärztinnen im Besonderen brauchen dringend bessere Rahmenbedingungen, um
nicht auszubrennen.
Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Chirurginnen (93
Prozent) würden, vor die Wahl gestellt, wieder Chirurgin werden. Das
ergab eine Umfrage im Jahr 2008. 36 Prozent würden dies aber nur tun,
wenn sich die Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern. Denn Ärzte in
Klinik und Praxis, so das Ergebnis einer anderen Umfrage, beklagen
unisono Stress und Bürokratie.
Worin der Stress aber besteht, das empfinden Ärzte und
Ärztinnen offenbar ganz unterschiedlich: So fühlen sich Medizinerinnen
durch schlechte Laune, Anspannung, psychischen Stress und die
Unfähigkeit, damit umzugehen, am stärksten belastet. Ihre männlichen
Kollegen hingegen leiden am ehesten unter erlebter Trauer,
Schuldgefühlen oder hohem Arbeitsaufkommen. Beide Arten von Belastung
sind im Arztberuf reichlich zu finden. Das führt sogar so weit, dass
Ärzte 1,1- bis 3,4-mal und Ärztinnen 2,5- bis 5,6-mal so häufig wie
Personen aus der Allgemeinbevölkerung Suizide begehen.
"Auch das mit Arbeit erzielte Einkommen spielt eine große
Rolle", so Dr. Astrid Bühren aus Berlin: "Ist es hoch, wird der
anstrengende Job auch als lohnend erlebt und der Stress besser
ertragen." Hier haben Ärztinnen aber besonders oft schlechte Karten:
Denn unter den Spitzenverdienern sind sie kaum noch (ab 150 000 Euro)
oder gar nicht (Kliniker ab 250 000 Euro) zu finden.
Haupthindernis für deutsche Ärztinnen, die Karriereleiter zu
erklimmen, sind offenbar unzureichende Betreuungsstrukturen: "Die
Hauptlast der Kindererziehung liegt noch immer bei der Frau - da machen
Ärztinnen keine Ausnahme", so Bühren. Deshalb wünschen sich mehr als 90
Prozent der Ärztinnen klinikeigene Kindertagesstätten und mehr als 80
Prozent klinikeigene Horte.
Besonders leicht müsste eigentlich das letzte von Bühren
vorgestellte Problem zu beheben sein: Berufstätige Frauen arbeiten etwa
15 Stunden länger pro Woche im Haushalt als ihre Ehemänner.

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