Ärzte Zeitung online, 19.11.2009

Bahnfahren für Blinde oft Hindernistour

BERLIN/COTTBUS (dpa). Fahrten mit der Deutschen Bahn sind für blinde Menschen oft eine Hindernistour mit ungewissem Ausgang. Fehlende Blindenleitsysteme auf kleinen Bahnhöfen, keine Ansagen bei Veränderungen im Reiseverkehr, zu wenige Zugbegleiter oder knappe Zeiten zum Ein- und Aussteigen: Die Palette der Beschwerden an die Deutsche Bahn AG ist lang.

Beispiel Cottbus: Joachim Haar steht hilflos vor dem Fahrscheinautomaten auf dem Hauptbahnhof. Er will eine Zugfahrkarte kaufen und fährt mit dem Finger über die glatte Bildschirmfläche. Doch der Finger rutscht ab, weil es keine Bedienfelder für Blinde gibt. "Jetzt habe ich bestimmt drei verschiedene Befehle gleichzeitig ausgelöst", mutmaßt der Mann resigniert. Er nimmt seinen Blindenstock und tastet sich zum Fahrscheinschalter. Haar ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg und fast ohne Sehkraft.

Der Verbandschef erhält öfter Schilderungen über Abenteuer beim Bahnfahren. "Der blinde Peter Fritsch aus dem südbrandenburgischen Senftenberg beschwerte sich darüber, dass es auf dem Bahnhof keine Lautsprecherdurchsagen mehr gibt", erzählt Haar. "Eines Tages stand er dort auf Bahnsteig 2, als ein Zug einfuhr - aber auf Bahnsteig 4. Ehe er das mitbekam, fuhr der Zug ab - und er musste eine Stunde warten." Manchmal werde der Zug abgepfiffen, wenn Blinde noch den Knopf zum Öffnen der Tür suchen. Die Deutsche Bahn AG verweist darauf, dass trotz aller Fortschritte auf diesem Gebiet der große Nachholbedarf erkannt ist.

"Wir sind dabei, das System der Barrierefreiheit für Menschen mit eingeschränkter Mobilität auf den Bahnhöfen zu verbessern", berichtet Gabriele Schlott, Sprecherin Personenbahnhöfe. "Bereits drei Viertel der bundesweit 5400 Bahnhöfe sind für Behinderte ausgebaut, so der neue Berliner Hauptbahnhof und die Hauptbahnhöfe in Frankfurt/Main und München." Bisher seien 3250 Bahnsteige mit Blindenleitsystemen ausgestattet. "Beim Umbau von Bahnsteigen werden breitere und tiefere Rillenplatten verwendet", erläutert Schlott. Als Beispiele nennt sie die Bahnhöfe in Altheim (Hessen), Birkengrund (Brandenburg), Bad Aibling Kurpark (Bayern) und Thale (Sachsen-Anhalt).

Michael Klingler vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband bestätigt: "Bei der Barrierefreiheit hat die Deutsche Bahn im Großen und Ganzen ein hohes Niveau erreicht." Ein Programm der Deutschen Bahn zur Schaffung von Barrierefreiheit aus dem Jahre 2005 laufe zum Jahresende aus. "Wir erarbeiten in einem gemeinsamen Fachausschuss gerade Vorschläge, wie es ab 2010 weitergehen soll", sagt Klingler. "Eine Lösung für den Fahrscheinverkauf an Blinde wäre ein Automat mit Tastaturen wie beim Telefon für einen Sprachdialog." Es gebe bereits Prototypen. "Bei großen Bahnhöfen sind Durchsagen bundesweit kein Problem, aber auf kleineren wie im saarländischen Neunkirchen und generell im ländlichen Raum fehlen sie oft", erzählt Klingler.

Bahnsprecherin Schlott spricht von weiteren Erleichterungen: "Mit Mitteln aus dem Konjunkturprogramm des Bundes verbessert das Unternehmen die Information auf 1700 kleinen und mittleren Bahnhöfen." Dort sollen "dynamische Schriftanzeiger" am Bahnsteig die Fahrgäste über Änderungen per Bildschirm und Stimme informieren. Schlott rät außerdem Fahrgästen mit einer Behinderung, sich vor Fahrtantritt bei der Mobilitätsservice-Zentrale der Bahn Hilfe für den Ein-, Um- oder Ausstieg sowie den Fahrscheinkauf zu holen. Im vergangenen Jahr hätten Bahnmitarbeiter fast eine halbe Million derartige Hilfeleistungen organisiert.

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