Ärzte Zeitung online, 19.11.2009

Kinostart: "Helen" thematisiert Tabu-Krankheit Depression

KÖLN (dpa). Es ist ein tragischer Zufall, dass dieser Film genau zur richtigen Zeit in die Kinos zu kommen scheint: Denn selten wurde in Deutschland so viel über Depression gesprochen. Kurz nach dem Tod des Nationaltorwarts Robert Enke zeigt der Kinofilm "Helen" auf einfühlsame und differenzierte Weise, wie komplex diese Krankheit ist, und wie hilflos die Betroffenen selbst und deren Umfeld reagieren.

Die Autorin und Regisseurin Sandra Nettelbeck, die 2001 mit ihrer Liebeskomödie "Bella Martha" berühmt wurde, hat elf Jahre an dem Film gearbeitet und beweist mit dem Thema viel Mut.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Helen Leonard (Ashley Judd), Dozentin an einer Musikhochschule. Die 38-Jährige führt ein glückliches Leben, liebt ihren Job, ihren Mann David (Goran Visnjic) und ihre 13-jährige Tochter Julie (Alexia Fast). Doch irgendetwas scheint da auf sie zuzukommen, sie spürt es. Langsam, aber unaufhaltsam verändert Helen sich, wird unruhig, unkonzentriert, gereizt, müde. In alltäglichen Situationen befallen sie plötzlich Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Sie ahnt, was mit ihr los ist, sagt es aber niemandem.

"Mein Film bietet keine Erklärungen", sagte Sandra Nettelbeck nach der Premiere des Dramas in Köln. "Ich habe keinen Aufklärungsfilm machen wollen." Sie hoffe aber, dass der Film dazu anrege, wichtige und richtige Fragen zum Thema zu stellen. Die Krankheit Depression sei ein Tabu. "Ich habe damals vor allem in den USA recherchiert, da es in Deutschland zu wenig dazu gab", sagte die 43-Jährige. "Helen", eine deutsch-kanadische Koproduktion, ist der erste englischsprachige Film der Regisseurin. Wenn schon ein solch schwieriges Thema, dann sollte der Film doch wenigstens international sein.

Gedreht wurde in Kanada, genauer Vancouver. Hier fand die Regisseurin eine gut ausgebaute Infrastruktur für den Film: Vancouver beziehungsweise die Provinz British Columbia firmiert nicht umsonst unter dem Titel "kanadisches Hollywood". Das Filmteam fand hier aber auch viel Natur, Berge, Meer und Wind - also Dinge, die die Stimmungen der Protagonistin symbolisieren helfen. Kitschig oder klischeehaft wird das Drama aber nie, und das ist Nettelbeck gerade bei diesem Thema hoch anzurechnen.

Es handelt sich nicht um leichte Kinokost wie noch bei der Küchenkomödie "Bella Martha". "Aber es geht wie in allen meinen Filmen doch vor allem um Liebe", sagte Nettelbeck. Niedergeschlagen oder deprimiert geht man als Zuschauer nicht aus dem Film, sondern eher still und nachdenklich. Das ist nicht zuletzt den hervorragenden Darstellern und der ruhigen Bildsprache zu verdanken.

Behutsam haben Nettelbeck und ihr Kameramann Michael Bertl auf eine - zwar manchmal schmerzhafte - helle, weiße Lichtoptik gesetzt, die dem Ganzen etwas Irreales gibt: Helen steht neben sich, scheint nicht mehr in ihr altes Leben zu gehören. Die Farben und Bilder stützen diese Atmosphäre der Entrücktheit. Ihr Mann und ihre Tochter kommen nicht mehr an sie heran. Nur noch eine Freundin (Laureen Lee Smith), selbst depressiv, versteht sie.

Neben der Sensibilität der Stoffumsetzung sind die Schauspieler zu bewundern, die jeder für sich das Richtige aus ihrer Figur herausholen, insbesondere Ashley Judd in der Hauptrolle. Vor allem aber ist es die Zurückhaltung des Films selbst, keine einfachen Lösungen bieten zu wollen, was ihn so besonders macht. Und seine Klarheit, Depression als komplexe Krankheit darzustellen, die nicht mit gut gemeinter Fürsorge zu beheben ist. Denn, so sagt ein Arzt: "Ihre Frau ist nicht unglücklich. Ihre Frau ist krank."

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