Ärzte Zeitung online, 02.12.2009

Behinderten-Verein kämpft für leichte Sprache

KASSEL (dpa). Wer Stefan Göthlings Büro in Kassel betritt, weiß gleich, was gefordert ist. "Halt! Bitte leichte Sprache", steht auf einem selbst gebastelten Stopp-Schild. Der 42-Jährige leitet den Verein "Mensch zuerst" und kämpft für eine angemessene Ausdrucksweise im Umgang mit Behinderten.

Für das Werben um eine leichte Sprache, die jeder versteht, bekommen Göthling und sein Verein viel Zuspruch. Ende Oktober zeichnetender Verein Deutsche Sprache (Dortmund) und die Eberhard-Schöck-Stiftung (Baden-Baden) neben der Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke ("Tintenherz") auch die Organisation "Mensch zuerst" aus. Die deutsche Sektion der weltweit aktiven "People-First"-Bewegung hat ein "Wörterbuch der leichten Sprache" kreiert. Ein Vorzeigeprojekt im Hinblick auf den 3. Dezember - dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Tag der Behinderten.

Göthling ist ein adrett gekleideter Mann. Früher war er in einer Behindertenwerkstatt in Thüringen tätig. Seit 2001 leitet er den Verein in Kassel als Geschäftsführer. Wenn er in seinem Büro von seiner Arbeit berichtet, hält er das entworfene Wörterbuch stolz hoch und sagt: "Wer in dieser Sprache mit uns redet, sagt nicht mehr, dass wir geistig behindert sind. Wir sind Menschen, die nicht 'geistig behindert‘ genannt werden wollen. Wir benutzen den Begriff 'Menschen mit Lernschwierigkeiten‘".

An der Idee einer leichter verständlichen Sprache im Umgang mit Behinderten finden auch CDU/CSU, SPD und Grüne Gefallen. Vor der Bundestagswahl ließen die Parteien ihre Wahlprogramme vom Verein "Mensch zuerst" in leichte Sprache übersetzen. Mit Erfolg: Die Version habe im Internet mehr Interesse gefunden als die "Normalfassung", berichtet Göthling. Für ihn eine Bestätigung, etwas nachhaltig Wichtiges in der Gesellschaft zu tun. Er freue sich, dass er sich auch außerhalb von Behindertenwerkstätten verwirklichen kann.

Göthling stammt aus Thüringen und besuchte eine Behinderten-Schule. In den 1980er Jahren machte er 18 Monate lang eine Ausbildung zum Teilfacharbeiter für Maschinenmontage und arbeitete dort bis zur Schließung 1990. Danach gab es für ihn nur Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt in Leinefelde-Worbis, wo er Nägel für Baumärkte verpackte.

Der 1997 als erste deutsche Sektion der weltweiten Selbsthilfe-Bewegung "People first" in Kassel entstandene Verein "Mensch zuerst" bot Göthling eine neue Chance. In zwei mehrwöchigen Praktika bewies er dort organisatorisches Geschick. Ihm wurde schließlich der Posten als Geschäftsführer angeboten. Zu den Ehrengründungsmitgliedern der Organisation gehört die frühere Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne). Bis heute fördert das Ministerium die Tätigkeit von "Mensch zuerst" als wichtigen Beitrag zum Abbau von Barrieren für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

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