Ärzte Zeitung online, 11.12.2009

Gebrochene Herzen: Praxis gegen Liebeskummer

FREIBURG (dpa). Der Weg heraus aus dem Kummer beginnt mit einem Paar Wollsocken. Wer mit anscheinend gebrochenem Herzen die helle Altbauwohnung von Elisabeth Stoffel-Läufer betritt, muss die Straßenschuhe ausziehen und sich die flauschigen Fußwärmer überziehen.

Wer die Wohnung nach der letzten Sitzung wieder verlässt, hat sich meist den Frust von der Seele geredet und schöpft neue Hoffnung. So stellt Stoffel-Läufer sich das vor. Als psychologische Beraterin betreibt sie in Freiburg eine Liebeskummer-Praxis.

Liebeskummer durchlebt fast jeder einmal. "Manche überstehen diese Phase unbeschadet, andere brauchen Hilfe", sagt Stoffel-Läufer, die ihre Praxis in einem gehobenen Freiburger Wohngebiet betreibt. "Wer zu mir kommt, möchte erst einmal reden", sagt sie. Daher sei sie zunächst vor allem aktive Zuhörerin.

"Eine enttäuschte Liebe oder das plötzliche Ende einer Beziehung können den Betroffenen in eine tiefe Krise stürzen. Viele fühlen sich handlungsunfähig, haben an nichts mehr Interesse und isolieren sich", beschreibt die Beraterin die Folgen, unter denen ihre Patienten leiden. Einladungen werden ausgeschlagen, der Berufsalltag wird zur Qual, es droht soziale Isolierung. "Die Gefahr, durch Liebeskummer depressiv zu werden, ist ziemlich groß", meint Stoffel-Läufer.

Was früher häufig als Bagatelle abgetan wurde, hat sich für die Freiburgerin zur rentablen Geschäftsidee entwickelt. Die erste Liebeskummer-Praxis wurde in Hamburg eröffnet, weitere folgten unter anderem in Berlin, München und Stuttgart. Das war eine Marktlücke. "Auf diesem Gebiet gibt es offenbar Bedarf", sagt Werner Weishaupt, Präsident des Verbandes freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater (VFP) in Hannover. Wenn sie ihr Partner verlässt, sind viele Menschen mit ihren Sorgen allein, brauchen Hilfe von Experten.

"Der soziale Rückhalt in der Gesellschaft ist vielfach geringer geworden", sagt Weishaupt. Ratschläge aus der eigenen Familie würden von Betroffenen häufig als ungebeten und parteiisch empfunden, weshalb sie professionelle Hilfe suchten.

Auf Umwegen kam Stoffel-Läufer zu ihrer Liebeskummer-Praxis. Philosophie, Germanistik und Geografie hat sie studiert, danach ausländische Studenten in Deutsch unterrichtet. Es folgte eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin, danach arbeitete sie in einer kirchlichen Einrichtung.

Vor gut einem halben Jahr hat sie ihre Liebeskummer-Praxis eröffnet. Davon leben könne sie nicht, sagt sie. Elf Klienten nahmen bisher für 60 Euro pro Stunde auf ihrer kleinen Beratungscouch Platz, hauptsächlich Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. "Natürlich sind auch Männer nicht gegen Liebeskummer gefeit", sagt Stoffel-Läufer. "Bei ihnen ist nur die Scheu größer, darüber zu sprechen." Die Beratung erfolge ohne Druck. "Der erhobene Zeigefinger ist nicht gefragt, vielmehr ein offenes Ohr, gelegentlich auch dezente Ratschläge."

"Liebeskummer ist oft nur der letzte Tropfen, der ein ganzes Fass voller Probleme zum Überlaufen bringt", sagt Thordis Bethlehem, Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Berlin. Das ist aber keine Krankheit und kann daher auch nicht therapiert werden. In schwierigen Fällen könne aber professionelle Beratung in Form regelmäßiger und offener Gespräche helfen. Meistens verschwinden die Schmerzen mit der Zeit von allein, sagt Bethlehem. Wichtig sei vor allem, sich nicht zu verschließen und mit Freunden darüber zu sprechen.

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