Ärzte Zeitung online, 14.12.2009

Eine Million bis 2010 - SOS-Kinderdörfer müssen umsteuern

DÜSSELDORF/MÜNCHEN (dpa). Mit den Kindern, die in den vergangenen 60 Jahren weltweit in SOS-Kinderdörfern aufgewachsen sind, könnte man heute eine deutsche Großstadt bevölkern. Fast 130 000 Jungen und Mädchen, oft Vollwaisen, aber auch Kinder aus zerrütteten Familien, haben seit der Gründung der Hilfsorganisation ihre Jugend in der Sicherheit eines Kinderdorfes verbracht.

Rund 16 Jahre leben Kinder im Durchschnitt in der Obhut eines Kinderdorfes. Die Beziehung zu den SOS-Müttern hält meist ein Leben lang.

Von den sozialen Strukturen eines SOS-Kinderdorfes profitieren nicht nur die kleinen Bewohner, in der Regel hat auch die Umgebung etwas davon. Und die Hilfsorganisation will künftig verstärkt auf die Familien- und Nachbarschaftshilfe setzen. "Im Jahr 2016 sollen auf ein betreutes Kind in einem Kinderdorf neun betreute Kinder in der Nachbarschaft kommen", sagt SOS-Geschäftsführer Wilfried Vyslozil. "Ziel sind eine Million Kinder."

Derzeit erreicht die SOS-Familienhilfe weltweit rund 283 000 Kinder und Mütter - davon sind 58 000 von Aids betroffen. In den rund 500 SOS-Kinderdörfern und fast 400 Jugendeinrichtungen werden mehr als 78 000 Kinder und Jugendliche betreut.

Künftig sollen weniger neue Kinderdörfer errichtet werden

Für die SOS-Kinderdörfer bedeutet der Strategiewechsel nach Worten Vyslozils eine "historische Zäsur." Denn künftig sollen weniger neue Kinderdörfer errichtet werden, dafür wird die Familienhilfe massiv ausgebaut. Viele bereits seit Jahrzehnten existierende Kinderdörfer brauchen zudem eine tief greifende Sanierung und Neuausrichtung.

Grund ist das rasante Städtewachstum. Etwa in Mombasa in Kenia: Das SOS-Kinderdorf wurde einst am Stadtrand gebaut, jetzt liegt es mitten in einem Elendsquartier. Oder Mexiko-City: Auch dort liegt das Kinderdorf inzwischen im Zentrum der Millionenstadt.

Die Familien- und Nachbarschaftshilfe geht von dem "gewachsenen, stabilen SOS-Kinderdorf als Basis-Camp der sozialen Arbeit" aus, so Vyslozil. Drei Funktionen soll die Hilfe erfüllen: "den Schulbesuch sichern, mindestens eine warme Mahlzeit pro Tag und ein sicheres Dach über dem Kopf". Eltern außerhalb der Kinderdörfer sollen so unterstützt werden, bevor ihre Familien unter der Last von Armut oder Krankheiten zusammenbrechen.

Einheimische sind für die Hilfen wichtig

   Bei der Hilfe setzt man auf Einheimische. "Die eigentliche Antenne für die soziale Frage kommt sicher nicht aus dem Norden, sondern muss tief kulturell eingebettet sein, damit sie wirken kann", sagt Vyslozil. Sonst werde die Hilfe abgelehnt, korrumpiert oder führe zu Abhängigkeiten.

Je nach Land und Kultur funktioniert die Familienhilfe unterschiedlich. In Lateinamerika etwa gebe es an sozialen Brennpunkten oft bereits "Selbsthilfegruppen", die engagierte Frauen aus ihrer eigenen Not heraus initiiert haben. Diese Frauen berät SOS-Kinderdorf etwa bei der Errichtung von Kindertagesstätten. In Afrika sind die Partner in der Regel die erweiterte Familie innerhalb einer Stammesgruppe.

Zwar erwarten die SOS-Kinderdörfer, die zu den größten Spendenorganisationen in Deutschland gehören, nach einem Spendenrückgang um vier Prozent 2008 in diesem Jahr wieder ein Plus. Die globale Wirtschaftskrise aber drückt auf die Projekte vor Ort - am stärksten in Afrika. Aber auch Osteuropa und junge EU-Mitgliedsländer sind betroffen. "In wüstem Ausmaß", so Vyslozil, seien etwa die Staatsausgaben in Lettland infolge der Krise gesenkt worden.

Die Kinderdörfer stehen unter starkem Aufnahmedruck

Die Folge: Die SOS-Kinderdörfer stehen unter einem stärkeren Aufnahmedruck, weil staatliche Heime oder Fürsorgeeinrichtungen schließen müssen oder keine Kinder mehr aufnehmen können. Die Arbeitslosigkeit steigt, Familien stehen am Abgrund. SOS-Kinderdörfer nehmen nicht nur Vollwaisen auf wie etwa in afrikanischen Konfliktregionen, sondern in industrialisierten Ländern auch "sozial verwaiste" Kinder. "Wir wollen keine Abgabestation sein, sondern für die Ausnahmesituation Platz bieten", betont Vyslozil.

www.sos-kinderdoerfer.de

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