Ärzte Zeitung, 16.12.2009

Hoffnung in einer Welt mit wenig Chancen

"Achten statt ächten" lautet eine Kampagne des Deutschen Caritasverbandes, die jungen Menschen, die keinen Schulabschluss haben und keinen Ausbildungsplatz finden, helfen soll. Sie zu motivieren und ihre Talente zu fördern, hat sich die Caritas auf die Fahnen geschrieben.

Von Pete Smith

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"Fersen schließen, linker Fuß nach vorn, Schrittfolge, ausatmen!" Trainer Eric Beuschel macht die Budo-Übungen vor, die Jugendlichen folgen.

Fotos: Smith

FRANKFURT. "Engelsruhe" heißt das Viertel im Frankfurter Stadtteil Unterliederbach - doch so ruhig, wie der Name es verspricht, ist es hier im Frankfurter Osten nicht. Seit langem gilt Unterliederbach als sozialer Brennpunkt der Stadt und wird durch das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" gefördert. Mit Hilfe eines Quartiersmanagers versucht die Caritas, nachhaltige Verbesserungen für die Bewohner zu bewirken.

Neben Seniorentreff, Frauentag und Gesundheitssprechstunde gibt es auch ein persönliches Bewerbertraining für Jugendliche, die von der Arbeitslosigkeit in dem Viertel besonders betroffen sind. Ehrenamtliche Helfer setzen sich mit den Betroffenen zusammen und erarbeiten ein auf sie zugeschnittenes Profil. "Wer hier rausgeht, hat einen Umschlag mit Briefmarke in der Hand", sagt Margurit Assmann von der Katholischen Gemeinde St. Johannes Apostel, die das Projekt mit betreut.

In "Engelsruhe" leben 3300 Menschen aus 35 Nationen. Viele Bewohner sind arbeitslos, bekommen Hartz IV, sind schlecht ausgebildet, überschuldet oder süchtig, hinzu kommen Nachbarschaftsstreitigkeiten und kulturelle Konflikte.

Die 22 Jahre alte Tina ist eine Bewohnerin des Viertels. Ihre Tätowierungen und Piercings schrecken Menschen ab. Zudem hat Tina zwei Hunde. "Ablehnung ist für mich normal", sagt sie. Und doch hat sie es geschafft, der Perspektivlosigkeit zu entkommen. Mit Hilfe der Caritas hat sie ihren Hauptschulabschluss nachgeholt und danach eine Ausbildungsstelle als Köchin in einer katholischen Kita gefunden. In der Kita kocht sie täglich drei Menüs: für Muslime, Hindi und die, die alles essen. Hier lernen schon die Jüngsten Toleranz. Auf einer Ortsversammlung wurden die Jugendlichen des Viertels nach ihren Anliegen gefragt. Ihr größter Wunsch war eine Grillhütte. Die haben sie dann mit Unterstützung der Caritas selbst gebaut.

Gesundheitstraining für mehr Berufs-Perspektiven

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Die gepiercte und tätowierte Tina fand mit der Caritas eine Azubi-Stelle in einer Kita.

Auch im Frankfurter Stadtteil Ginnheim setzt sich die Caritas für junge Erwachsene ohne Perspektive ein. In einem Beschäftigungsbetrieb mit Trainingswerkstätten sollen Jugendliche wieder fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden oder zumindest ans Arbeiten rangeführt werden. Viele sind über die lange Beschäftigungslosigkeit krank geworden: einige depressiv, andere süchtig, wieder andere übergewichtig mit entsprechenden Folgeerkrankungen. Hier setzt das Caritas-Gesundheitsprogramm "carifit" an. Mit Angeboten wie der Kampfkunst Budo sollen Jugendliche ihre Gesundheit fördern, aber auch neues Selbstbewusstsein tanken. "Man möchte Sport treiben, anerkannt sein, das geht alles verloren, wenn man kein Geld hat. Man ist doch kein Mensch zweiter Klasse", sagt Marcel. Im Griesheimer Caritas-Betrieb absolviert er eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im IT-Bereich. Die lange Arbeitslosigkeit hat bei ihm Spuren hinterlassen. Beim Budo trainiert er seine Kondition und lernt, sich zu konzentrieren und sein Gleichgewicht (wieder) zu finden.

Auch Rücksichtnahme gehört dazu. Im Training verpuffen Aggressionen, die Gewaltbereitschaft sinkt. Das trägt gerade in sozialen Brennpunkten wie Frankfurt-Griesheim Früchte. "Das Training vermittelt den Jugendlichen Schlüsselkompetenzen wie Respekt, Disziplin und das Einhalten von Regeln", erläutert der Gesundheitspädagoge Eric Beuschel, der die Kampfkunst Budo seit zwanzig Jahren betreibt.

Betreutes Wohnen für Frauen mit Gewalterfahrung

Gewalt- und Drogenerfahrungen haben auch die Mädchen, die im Haus Ursula leben. Das Haus bietet für junge Frauen eine neue Heimat. Viele Bewohnerinnen stammen aus "problematischen Verhältnissen", wie es beschönigend heißt. "Hier ist immer jemand, der fragt, ob du noch lebst", sagt Madeleine über ihr fremdes Zuhause. "Hier habe ich erst gelernt, regelmäßig in die Schule zu gehen und Ordnung zu halten", fügt Badia hinzu.

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Sie leiten das Haus Ursula: Ingrid Braun, Ernst Krepinsky und Alexandra Armbruster (von links).

Madeleines Eltern sind geschieden. Aufgewachsen ist die heute 20-Jährige beim Vater. Für den gehörten Prügel zur Erziehung. Als Teenager beginnt sie, Drogen zu nehmen und verprügelt auch andere. Eine Ausbildung als Vermessungstechnikerin bricht sie ab. Ein halbes Jahr hängt sie rum, nimmt weiter Drogen, bis sie das Jugendamt ans Haus Ursula vermittelt. "Damals war mir alles zu blöd hier, ich wollte sofort eine eigene Wohnung." Doch schon bald findet sie die Einrichtung "gar nicht so schlecht. Die sorgen sich um dich, kochen, fragen, wie's dir geht, wenn du krank bist - das kannte ich nicht." Inzwischen absolviert Madeleine eine Ausbildung im Sicherheitsdienst.

Das Haus Ursula war ursprünglich eine von Ordensschwestern betriebene Einrichtung "für gefallene Mädchen". Heute ist die Caritas der Träger. Die Bewohnerinnen werden über die Jugendämter hierher vermittelt. Jeweils vier bis fünf junge Frauen leben in vier Wohngruppen zusammen. Mindestens ein Betreuer ist stets im Haus. Wenn die Mädchen volljährig sind, wechseln die meisten ins Betreute Wohnen, wo sich weiterhin Sozialarbeiter um sie kümmern. "Face-to-face"-Betreuung heißt das neu-deutsch. Ziel ist die baldige Selbstständigkeit, um dauerhaft in einer eigenen Wohnung leben zu können - auf festem Fundament.

Badias Eltern stammen aus Marokko. Auch für sie gehörten Prügel zum Alltag. Daheim wurde sie eingesperrt. Die Nachbarn sahen weg. Als Badia 14 ist, soll sie mit einem elf Jahre älteren Mann verheiratet werden. Sie wehrt sich. Das Jugendamt vermittelt sie ans Haus Ursula. Sie lernt, ihr Leben in die Hand zu nehmen und die Behördengänge zu erledigen. Inzwischen macht sie ihren Realschulabschluss nach. "Wäre ich nicht hier, säße ich jetzt verheiratet und mit Kindern irgendwo daheim. Ich bin froh, dass es solche Hilfen gibt", sagt sie.

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