Ärzte Zeitung online, 18.12.2009

"Ardi" krönt Top Ten der Wissenschaft 2009

NEW YORK (dpa). Der Fund unseres ältesten Vorfahren wird in der Wissenschaft als "Durchbruch dieses Jahres" gefeiert. Das US-Journal "Science" krönt seine Liste der wichtigsten Entdeckungen von 2009 am Freitag mit dem gut 4,4 Millionen Jahre alten weiblichen Skelett.

"Ardi", streng genommen Ardipithecus ramidus, lebte in der Afar-Region in Äthiopien. Von dort stammt auch "Lucy" (Australopithecus afarensis), die zuvor als ältester Vorfahre des Menschen gegolten hatte. "Ardi" überraschte alle Welt mit der Erkenntnis, dass die Hominiden (Menschenartige) schon eine Million Jahre vor "Lucy" aufrecht gingen und viel weniger affenartig waren als vermutet.

Unter den weiteren Top-Ten-Arbeiten der Wissenschaft rangieren die sensationelle Entdeckung von Eis auf der Mondoberfläche und die Reparatur des Hubble-Weltraumteleskops. Auch ein "Jungmacher", der das Leben von Mäusen um bis zu 15 Prozent verlängert und neue Gentherapien sind dabei. Die Redaktion der Fachzeitschrift "Science", die vom größten interdisziplinären Wissenschaftlerverband der Welt (AAAS) herausgegeben wird, stellt die aus ihrer Sicht herausragenden Forschungsergebnisse jedes Jahr in einem Rückblick vor.

"Ardi" habe ein sensationelles neues Kapital in der Geschichte der menschlichen Evolution aufgeschlagen, begründen die Redakteure und wissenschaftlichen Mitarbeiter des Journals ihre Wahl. "Es passt zum Jahr von Darwins 200. Geburtstag, dass es Forschern gelang, endlich die Vier-Millionen-Jahre-Grenze auf der Suche nach unserem Ursprung zu durchbrechen", heißt es in "Science".

Auf Platz zwei der Liste steht der Nachweis bisher unentdeckter Pulsare mit dem Fermi-Gammastrahlen-Weltraumteleskop. Pulsare sind Überbleibsel massereicher Sterne, die "in der Nacht wie Leuchttürme blinken". Sie bestehen fast nur noch aus Neutronen, den elektrisch neutralen Teilchen von Atomkernen. Pulsare können hunderte Male pro Minute rotieren.

Gleich zwei Forschergruppen stellten im September die Sichtung sogenannter magnetischer Monopole in Spin-Eis vor, einer exotischen magnetischen Materialklasse. Die Existenz dieser Monopole war bereits 1931 von dem britischen Theoretiker Paul Dirac vermutet worden. Seitdem hatten Forscher sie vergeblich vor allem in Teilchenbeschleunigern nachzuweisen versucht.

Dem ebenfalls lange gesuchten Signalempfänger für ein Stresshormon von Pflanzen kam ein deutsches Team - zeitgleich mit Botanikern in Kalifornien - auf die Spur. Der ABA-Rezeptor signalisiert Pflanzen, winzige Öffnungen in ihren Blättern zu schließen und dadurch ihren Wasserverlust zu verringern, erläuterten Professor Erwin Grill und Kollegen an der Technischen Universität München (TUM) im April in "Science". Die Erkenntnis dürfte Landwirten in aller Welt im Zuge des Klimawandels zugute kommen.

Rapamycin, ein Naturstoff von der Osterinsel, könnte eine neue Arznei für ein langes Leben werden. Der Wirkstoff, der auch unter dem Namen Sirolimus bekannt ist, schiebt den Alterungsprozess von Säugetieren auf: Mäuse, an denen sie in einem amerikanischen Anti-Aging-Programm getestet wurde, lebten im Durchschnitt zehn Prozent länger.

Das NASA-Experiment, bei der "Bombardierung" des Mondes auf Eis zu stoßen, war "Science" ebenfalls einen Listenplatz wert. Außerdem würdigte das Journal die gewagte Reparatur des Weltraumteleskops Hubble, das nun weitere fünf Jahre genutzt werden kann.

Fortschritte mit Gentherapien halfen in diesem Jahr etwa Blinden. Zwölf Patienten, die an einer speziellen Form erblich bedingter Blindheit litten, konnten sich nach der Behandlung wieder ohne fremde Hilfe zurechtfinden. Am meisten profitierten Jüngere, bei denen die Degeneration der Netzhaut noch nicht so weit fortgeschritten war.

Ein neues Kohlenstoffmaterial schaffte es ebenfalls unter die Top Ten. Die einatomigen Kohlenstoffschichten, Graphen genannt, könnten die Halbleiter-, Sensor- und Display-Technik revolutionieren. Für die Entwicklung der hauchdünnen Blättchen wurde dem Physiker Andre Geim in Hamburg der mit 750 000 Euro dotierte Körber-Preis 2009 verliehen.

Große Sorgen äußert "Science" darüber, dass immer mehr Länder wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise öffentliche Forschungsgelder kürzen. Italien und Portugal seien von einem Abbau der Mittel um 10 bis 20 Prozent betroffen, Irland stehe ein Minus von 6 bis 10 Prozent bevor. Noch schlimmer sehe es in Kalifornien aus, wo Universitäten nicht nur das Gehalt ihres Lehrpersonals zusammenstrichen, sondern auch noch die Studiengebühren um 32 Prozent auf über 10 000 Dollar pro Jahr anhoben.

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