Ärzte Zeitung, 18.01.2010

Mumien - die Kunst, Körper zu verewigen

Der Erhalt von Körpern ist eine Kunst und war in alten Völkern oft Bestandteil der Totenkultur. Eine Ausstellung spannt den Bogen zwischen gestern und heute.

Von Sabine Schiner

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In der Krypta einer ungarischen Kirche wurden die mumifizierten Leichen einer Mutter mit ihrem Neugeborenen entdeckt. © Sepulkralmuseum, Kassel

Juristisch betrachtet ist ein Toter eine Sache, ein Ding. Dass einem Toten trotzdem Würde zugestanden wird, ist kultureller Konsens. Ihre Würde behalten auch die Exponate der Ausstellung "Mumien - Körper für die Ewigkeit" in Kassel. Derzeit zeigen das Museum für Sepulkralkultur und das Naturkundemuseum mehr als 60 Mumien aus der Zeit der Dinosaurier bis in die Neuzeit.

Föten wurden für Studienzwecke präpariert

Das Naturkundemuseum zeigt Mumien außereuropäischer Kulturen. In dem Museumsgebäude im Ottoneum waren vor 300 Jahren im "Collegium Carolinum" auch Ärzte und Hebammen ausgebildet worden. Aus dieser Zeit stammen sechs Fötenmumien. Sie waren vermutlich als Anschauungsobjeke für Studenten präpariert worden. Erst vor kurzem waren sie für das Forschungsvorhaben "German-Mummy-Projekt" im Kasseler Klinikum mit einem Computertomografen untersucht worden.

Das Museum für Sepulkralkultur legt seinen Schwerpunkt mehr auf die kulturhistorische Bedeutung der Mumien und auf die europäische Begräbniskultur. So ruht in einer Vitrine die Hand einer Mumie aus Teneriffa fast graziös auf den Oberschenkeln. Die Finger sind lang und feingliedrig. Die Haut spannt sich über den Knochen. Die Mumie ist von brüchiger Schönheit. Die Guanchen, Ureinwohner der kanarischen Inseln, beherrschten um 500 vor Christus die Kunst des Einbalsamierens und legten ihre Toten auch in felsigen Höhlen zur Ruhe, um sie auf natürlichem Wege zu mumifizieren, heißt es im Begleittext zur Ausstellung.

Die antiken Kulturen Europas kannten hingegen keine Mumifizierungsmethoden. Umso größer war die Faszination, als im   späten Mittelalter ganze Schiffsladungen mit ägyptischen Mumien nach Europa importiert wurden. Später, während des Napoleonfeldzuges 1797 bis 1798, wurden in besseren Kreisen sogar zu Mumienpartys eingeladen: Höhepunkt des Abends war die feierliche Auswicklung einer Leiche.

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"Mumia" - pulverisierte Mumien - galten bis ins 19. Jahrhundert als Heilmittel.

Für viele Mumien erfüllte sich "der Traum vom ewigen Leben" nicht: Sie wurden zu Medizin verarbeitet und zermahlen. "Mumia vera aegyptica" sollte angeblich bei Wunden, Brüchen, Lähmungen, Epilepsie, Schwindel, Nieren- und Blasenproblemen helfen. Die Wirksamkeit des Mittels wurde erst im 19. Jahrhundert bezweifelt. Verkauft wurde es trotzdem: Das Unternehmen Merck in Darmstadt fertigte noch 1924 "Mumia" für den Apothekenverkauf. Und selbst heute sollen noch Menschen in Zentralasien auf den morbiden Wirkstoff schwören.

Ans Herz geht die Ausstellung vor allem dann, wenn die Besucher mehr über das Leben der ausgestellten Mumien erfahren. Anrührend ist beispielsweise das Schicksal von Terézia Borsodi (1768 bis 1794). Ihre Leiche wurde zusammen mit der ihres Sohnes in der Krypta der Dominikanerkirche in der ungarischen Stadt Vác beigesetzt. Wissenschaftler haben sie im Jahr 1994 entdeckt. Eine Vitrine im Sepulkralmuseum zeigt das mumifizierte Paar. Terézia Borsodi hält ihren Sohn im Arm, den sie per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht hatte. Sie starb im Kindbett, ihr Sohn wenige Wochen später.

Dass der Wunsch, den eigenen Körper für die Ewigkeit zu erhalten, auch heute noch viele Menschen beschäftigt, zeigt die Ausstellung ebenfalls. Bei der Plastination ersetzen Aceton und Kunststoff das körpereigene Fett und Wasser. Danach wird das Präparat in die gewünschte Form gebracht und ausgehärtet.

Kryotechnik soll nun für ewiges Leben sorgen

Die Kryotechnik spielt mit der Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Medizin und Technik weiter vorangeschritten sind, wiederbelebt zu werden. Dazu werden Körper bei minus 196 Grad Celsius eingefroren, um sie später wieder aufzutauen. Ewiges Leben erhoffen sich auch die "Transhumanisten", deren deutsche Gesellschaft wurde 1998 in Berlin gegründet. Ihre Ziele sind die Verlängerung der maximalen Lebenserwartung, die Erhöhung der Intelligenz sowie die physische und psychische Verbesserung des Menschen.

Um die menschliche Natur zu überwinden, setzen die Transhumanisten unter anderem auf die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, neuen Methoden in Gentechnik und Medizin sowie auf die molekulare Nanotechnologie, die es erlauben soll, "die Materie Atom für Atom mit Hilfe nanometergroßer Maschinen" umzubauen: Hightech im Dienste der Ewigkeit.

Die Ausstellungen in Kassel laufen noch bis zum 18. April 2010. Weitere Infos dazu gibt es im Internet unter www.sepulkralmuseum.de und www.naturkundemuseum-kassel.de

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