Ärzte Zeitung online, 06.01.2010

Vom Armenhaus zur Hochleistungsmedizin: Charité wird 300

BERLIN (dpa). Die Charité feiert in diesem Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Sie ist heute ein Universitätsklinikum für Hochleistungsmedizin von Weltruf, mit mehr als 100 Kliniken und Instituten. Doch früher müssen die Zustände unvorstellbar gewesen sein.

In den Krankenhauszimmern wimmerten die Patienten, unter den Betten standen Schüsseln mit blutigen Verbänden und Exkrementen, aus dem Operationssaal hallten markdurchdringende Schreie von Menschen, an denen gerade ohne Narkose herumgeschnitten wurde. So oder so ähnlich sah es wohl um 1710 in der Berliner Charité aus - einem zweigeschossigen Fachwerkbau, zu dem Gärten, ein Brauhaus und Tierställe gehörten.

Auslöser für die Gründung war eine Pestwelle

Auslöser für die Gründung war eine Pestwelle, die auf die Grenzen Preußens zurollte. König Friedrich I. wollte seine Bürger schützen und ließ in einer Wiesen- und Ackergegend vor den Toren Berlins - in der Nähe des heutigen Regierungsviertels -, das "Pesthaus" errichten. Die Pest kam glücklicherweise nie und das Gebäude wurde als Armenhaus und zur Versorgung Kranker genutzt.

Es folgten drei Jahrhunderte voller Höhen und Tiefen. Schon wenige Jahre nach der Gründung war die Bevölkerung Berlins sprunghaft gewachsen. Die medizinische Versorgung der Kranken war schwierig. Ausgebildete Krankenschwestern und Hebammen gab es kaum. Dafür arbeiteten in der Klinik Laien-Helfer, darunter angeblich Prostituierte, die ihr Gewerbe selbst im Krankenhaus weiter betrieben. Kein wirklich guter Ort zum Gesundwerden. Die Reichen mieden die Charité (übersetzt: Barmherzigkeit) daher meist und holten sich den Arzt lieber ins Haus.

1785 ordnete König Friedrich II. einen großen Neubau an

1785 ordnete König Friedrich II. einen großen Neubau auf dem Gelände an. Schon bald darauf erarbeitete sich die Charité einen Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus, medizinische Glanzleistungen folgten: Robert Koch entdeckte die Tuberkulose-Erreger, Rudolf Virchow beschäftigte sich mit Zellen und wie sie Krankheiten verursachen können. Zahlreiche Forscher aus fernen Ländern wie Japan kamen, um von der Medizin-Elite zu lernen.

Diese "Goldenen Zeiten", wie der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité, Thomas Schnalke, die Jahrzehnte nach 1840 nennt, gingen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten abrupt zu Ende. Die Charité entließ zahlreiche verdienstvolle Mitarbeiter - weil sie Juden waren. Viele gingen ins Exil, andere wurden im Konzentrationslager ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren 90 Prozent der Bausubstanz von Bomben beschädigt. "Mit dem Krieg war die Charité auf ihrem absoluten Tiefpunkt", sagt Schnalke.

Davon konnte sich das Klinikum nur mühsam erholen. Ende der 70er Jahre wurde die Einrichtung laut Schnalke über die DDR-Grenzen hinaus wieder anerkannt. Das sollte auch im Westen zu sehen sein, fand die DDR-Führung und beschloss den Neubau eines 20-stöckigen Bettenhochhauses. Der 1982 fertiggestellte Steinkoloss war schon aus der Ferne zu erkennen und gilt noch immer als Wahrzeichen der Uniklinik.

Die Charité wurde nach der Wende zu einer der größten Universitätskliniken Europas

Durch den Zusammenschluss und die Fusionierung mit mehreren anderen Kliniken wurde die Charité nach der Wende zu einer der größten Universitätskliniken Europas. An vier Standorten in verschiedenen Bezirken gibt es über 100 Kliniken und Institute. Dort werden monatlich 6900 Operationen vorgenommen, jedes Jahr versorgt die Charité etwa 130 500 stationäre und 530 200 ambulante Fälle. Mit seinen etwa 14 500 Mitarbeitern erwirtschaftet das Klinikum eigenen Angaben zufolge rund eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr.

Trotzdem blickt die Charité unsicheren Zeiten entgegen. Am Bettenhochhaus bröckelt mittlerweile mehr als nur der Putz. Das Gebäude ist dringend renovierungsbedürftig. Allein für die Sanierung aller Standorte fordert Charité-Chef Professor Karl Max Einhäupl 650 Millionen Euro. Danach seien rund 100 Millionen Euro jährlich für Instandhaltung und Modernisierung notwendig. Ob das angesichts der knappen Haushaltskasse der Stadt allerdings zu verwirklichen ist, bleibt fraglich. Doch die Charité hat in ihrer 300-jährigen Geschichte schließlich schon so manche Krise überwunden.

Literatur:

Petra Lennig: Die Berliner Charité. Schlaglichter aus 3 Jahrhunderten. Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité. 6,00 Euro im Museumsshop; ISBN3-9810220-2-5.

Ernst Peter Fischer: Die Charité. Ein Krankenhaus in Berlin. 1710 bis heute. Siedler Verlag, 19,95 Euro, ISBN 978-3-88680-880-9.

http://charite300.charite.de

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[18.05.2015, 21:55:11]
Dr. Segei Jargin 
Klassikforschung und Zitieren
Seit dem 19. Jahrhundert sind Pathologen von Rudolf Ludwig Carl Virchow (1821-1902) und seiner Lehre beeinflusst [1]. So erscheinen in der ehemaligen Sowjetunion immer wieder neue Artikel über Virchow und andere Klassiker [2-6]. Die späteren Artikel sind offenbar auf einem höheren Niveau verfasst, als die ähnlichen Veröffentlichungen aus der Vergangenheit, obwohl sich kleine Ungereimtheiten ab und zu merken lassen. Früher waren einige Klassikforscher in Sachen Zitieren nicht immer einwandfrei. So wurde das dreibändige Lehrbuch der pathologischen Anatomie [7] teilweise vom Robbins' Pathologic Basis of Disease [8] ohne Verweise abgeschrieben [9]. Entlehnungen aus dem Handbuch der Speziellen Pathologischen Anatomie und Histologie, herausgegeben von Friedrich Henke und Otto Lubarsch, sind auch gefunden worden; weitere Literaturverweise sind in [6]. Im Bereich der Dermatopathologie wurden viele Textabschnitte wortwörtlich übersetzt, einige Textfragmente verkürzt oder geändert [10]. Als Quelle der Entlehnungen diente dabei das Handbuch Histopathology of the Skin von Walter F. Lever und Gundula Schaumburg-Lever (1975). Die Entlehnungen sind in einem Handbuch (1986) entdeckt worden [10]. Ein Zitat aus dem Artikel von einem der Klassikforscher [11]: "The authors present the incidence and specific features of specific bone marrow lesion and the state of normal hemopoiesis and stroma. The criteria for the differential diagnosis of reactive polyclonal lymphoid proliferation in the bone marrow that may accompany many haematological and non-haematological diseases with specific bone marrow lesion in lymphoproliferative diseases are outlined". Und weiter: "According to our results, several histological types of bone marrow involvement in lymphoproliferative diseases can be distinguished: diffuse, interstitial and focal" [11]. Dann folgt eine Beschreibung der Knochenmarkveränderungen bei Lymphomen, die in vielen Fachbüchern gefunden werden kann, auf welche es jedoch nicht verwiesen wird. Der Artikel [11] kann als eine Erstbeschreibung der Knochenmarsveränderungen beim Lymphom missverstanden werden. Unserer Meinung nach, sollte man im Zweifelsfall von Diskursen über die Klassiker Abstand nehmen.
Literatur
1. Meister, P. Geschichte der Dermatopathologie. Pathologe 2015;36:7-10.
2. Povzun, SA, Mal'kov, PG, Frank, GA. Cellular pathology and revolution of scientific medicine (on the occasion of the 190th anniversary of Rudolf Virchow's Birth). Arkh Patol 2011;73(3):6-11.
3. Stochik, AM, Pal'tsev, SN, Zatravkin, SN. From the history of the 19th century pathology. Rudolf Virchow and his view of disease. Arkh Patol 2009;71(5):11-16.
4. Paltsev, MA, Severin, ES, Ivanov, AA. Anatomical pathology and molecular diagnosis. Arkh Patol 2006;68(4):3-7.
5. Anichkov, NM, Perov, IuL. Rudolf Virchow: the 150th anniversary of the cellular pathology teaching. Arkh Patol 2009;71:3-8.
6. Jargin SV. Der Nachlass von Rudolf Virchow und die Stammzelle: ein Beitrag aus Russland. GMS Med Bibl Inf 2010;10(2):Doc14.
7. Paltsev, MA, Anichkov, NM. Patologitscheskaia Anatomia. Meditsina, Moscow, 2001.
8. Cotran, RS, Kumar, V, Robbins, SL. Robbins' Pathologic Basis of Disease. W.B. Saunders Co., Philadelphia, 1994.
9. Jargin, SV. Pathology in the former Soviet Union: scientific misconduct and related phenomena. Dermatol Pract Concept 2011;1:75-81.
10. Jargin, SV. Plagiarism in dermatopathology. Dermatopathology: Practical & Conceptual 2010;16(2): article 14.
11. Frank, GA, Kaplanskaia, IB, Glasko, EN, Semenov, EA, Roshchina, LS, Korolev, AV. Diagnosis of lymphoproliferative diseases by bone marrow trepanobiopsy specimens. Arkh Patol 2007;69(3):15-18.

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