Ärzte Zeitung online, 15.01.2010

Einsatz im Katastrophengebiet: Deutscher Arzt fliegt nach Haiti

BERLIN/SCHÖNEFELD (dpa). Die Liste seiner Reiseziele liest sich ein bisschen wie die eines Abenteuer-Urlaubers: Mosambik, China, Osttimor und Sudan. Doch Dr. Thomas Moch (57) reist nicht zum Vergnügen. Der Anästhesist ist seit Jahren Katastrophenhelfer beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) und wird an diesem Samstag erneut losfliegen, diesmal ins erdbebenerschütterte Haiti.

Der Arzt aus Breitnau in Baden-Württemberg wird dort zusammen mit neun weiteren Kollegen aus Deutschland in einer mobilen Klinik des DRK arbeiten und in den nächsten Wochen Hunderte Verletzte und Kranke versorgen.

"Sicher bin ich etwas nervös", räumt Moch trotz seiner vielen Erfahrungen ein. Schließlich wisse niemand genau, was die Helfer in Haiti erwarte. "Sie haben natürlich ein mulmiges Gefühl, wenn Sie nicht wissen, wo Sie hinkommen." Er gehe außerdem davon aus, dass die Notversorgung noch nicht richtig angelaufen sei und die Helfer "noch lange mit Schwerverletzten zu tun haben werden."

Trotzdem musste Moch nicht lange überlegen, als am Mittwoch - nur wenige Stunden nach dem Erdbeben - ein Anruf des DRK kam. "Ich habe schon Medizin studiert mit der Vorstellung, in die Entwicklungshilfe zu gehen", erzählt er. "Jeder tut das, was er gelernt hat - so kam es irgendwann", fasst er seinen Werdegang nüchtern zusammen. "Es ist auch ein Privileg: Sie können helfen, Sie dürfen da hin, andere müssen hierbleiben." Und fügt sofort hinzu: "Es ist ein Beruf, der Freude macht."

Auch mit schwierigen Situationen hat er gelernt umzugehen. Während viele Menschen sicher Angst hätten, das Leid in Haiti zu sehen, ist Moch innerlich darauf vorbreitet. "Vor Ort ist die Arbeitsbelastung so groß, dass Sie gar nicht zum Nachdenken kommen", sagt er. "Das fängt eigentlich erst zu Hause an." Dann kämen auch die Bilder, die er nicht vergessen könne. "Es gibt schlimme Bilder. Sie haben zum Beispiel ein Kind nicht retten können. Das ist für einen Arzt immer mit das Belastendste. Das sind Bilder, die lassen Sie für den Rest des Lebens nicht los."

Seltsam wird es auch in etwa zwei bis vier Wochen werden, wenn der 57-Jährige wieder aus Haiti in seinen baden-württembergischen Alltag in der Helios Klinik Titisee-Neustadt zurückkehrt. "Das ist immer wieder ein paar Tage komisch", ahnt Moch. Immerhin liegen Welten zwischen der Schwarzwald-Klinik und der Arbeit im zerstörten Haiti. "Aber da findet man sich wieder rein." Zumindest bis zu seinem nächsten Einsatz in einer anderen Krisenregion.

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Chaos nach Beben im Armenhaus der Karibik

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