Ärzte Zeitung, 20.01.2010

"Hilfe für Kinder muss absolute Priorität haben"

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat nach dem schweren Erdbeben eine Luftbrücke für alle in Haiti tätigen Hilfsorganisationen aufgebaut. Etwa 37 000 schwangere Frauen und Kinder leben nach Angaben von Unicef im von der Katastrophe betroffenen Gebiet.

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Schwer verletzt dem Inferno entkommen: Ein kleiner Junge vor dem General Hospital in Port-au-Prince. © dpa (2)

FRANKFURT/MAIN. Sollten die Erdbebenopfer auf Haiti nicht ausreichend psychologische Hilfen bekommen, wird nach Experteneinschätzung ein sehr zu Gewalt und Kriminalität neigendes Volk zurück bleiben. "Menschen, die solche Extrem-Traumatisierungen nicht aufgearbeitet haben, sind meistens Problemfälle", sagte Trauma-Experte Georg Pieper aus dem hessischen Gladenbach im Gespräch mit der Nachrichtagentur dpa. Es komme jetzt darauf an, dass sich die Hilfsorganisationen auch die psychologische Betreuung und Aufarbeitung auf die Fahnen schreiben. "Das ist fraglich, ob das in ausreichendem Maße passiert."

"Die Grundsicherheit geht verloren"

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Erdbeben-Opfer werden provisorisch vor einem Krankenhaus versorgt.

Bei den Geschehnissen auf Haiti müsse davon ausgegangen werden, dass Hunderttausende "schwer traumatisiert und sehr tief seelisch verletzt sind". Im Vordergrund stehe "der absolute Verlust des Sicherheitsgefühls". Durch das "schreckliche Beben der Erde" kämen "wahnsinnige Ängste" hoch: "Das ist eine Erschütterung der Grundsicherheit, die wir für unser Leben brauchen."

Als zweiter Faktor kämen "die immens schrecklichen Bilder" hinzu - "von Sterbenden, von Toten, Schwerverletzten und besonders von toten Kindern". Als dritten Faktor, der ein Trauma auslösen könne, nannte der Psychotherapeut "die selbst erlebte Todesgefahr, das gesamte Leid und die Gewalt, die jetzt aufgekommen ist". Erlebnisse wie derzeit auf Haiti seien "Dinge, die man niemals im Leben wieder vergisst".

Am schwersten betroffen seien die Kinder von den traumatischen Erfahrungen. "Je kleiner die Kinder sind, desto weniger können sie das Ganze, was da passiert ist, überhaupt nachvollziehen", schilderte der Experte. "Traumatisierungen, die ein Mensch gar nicht kognitiv nachvollziehen kann, sind extrem schädigend und kaum aufzuarbeiten. Da geht die ganze Grundsicherheit verloren."

Die Hilfe für Kinder und Schwangere in Haiti muss absolute Priorität haben, fordert inzwischen Unicef. Im Krisengebiet lebten rund 37 000 schwangere Frauen, Kinder seien besonders schwer getroffen und gefährdet, teilte die deutsche Unicef-Sektion mit. Unicef hat mit Partnern die Registrierung unbegleiteter Kinder begonnen und ein erstes Schutzhaus für 200 Kinder eingerichtet.

Die Malteser befürchten hingegen, dass es für viele verletzte Kinder kaum Hoffnung gibt. Eine grundlegende medizinische Versorgung werde allerdings zunehmend möglich, sagte ein Arzt der Hilfsorganisation.

Bis zu zehn Millionen Mahlzeiten werden verteilt

Seit Sonntag arbeiten drei Malteser-Ärzte in einem Krankenhaus: Über eine Partnerorganisation aus der Dominikanischen Republik sollen nun auch Notfallkliniken am Rand von Port-au-Prince versorgt und ein 25 köpfiges medizinisches Team in die Krisenregion geschickt werden.

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat eine Luftbrücke für alle in Haiti tätigen Hilfsorganisationen aufgebaut und will mit Helikoptern nach dem Erdbeben geflohenen Menschen Nahrung bringen. Die UN-Organisation teilte außerdem mit, Helfer würden aus Santo Domingo in die haitianische Hauptstadt geflogen. Für die anlaufende große Hilfsoperation der kommenden Wochen seien fünf "humanitäre Korridore" notwendig. So sollen Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter über Straßen aus der Dominikanischen Republik nach Haiti gebracht werden. In der kommenden Woche werden nach WFP-Angaben bis zu zehn Millionen Mahlzeiten als Fertignahrung an Hungernde verteilt. (dpa)

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