Ärzte Zeitung online, 22.01.2010

Spikelets: Mini-Signale im Gehirn erlauben räumliche Orientierung

BERLIN (eb). Nervenzellen kommunizieren über elektrische Signale - aber sie senden und empfangen nicht nur Aktionspotentiale, sondern auch so genannte Spikelets. Forscher Humboldt-Universität Berlin konnten jetzt die entscheidende Rolle dieser Spikelets beim räumlichen Gedächtnis und der räumlichen Orientierung nachweisen.

zur Großdarstellung klicken

Kummunizierende Nervenzellen. © Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

Bereits im Jahre 1961 entdeckte der spätere Nobelpreisträger Professor Eric Kandel, dass Neurone im Hippocampus nicht nur Aktionspotentiale, sondern auch sehr viel kleinere elektrische Signale produzieren - so genannte Spikelets. Diese Spikelets konnten bisher allerdings nur an narkotisierten Tieren gemessen werden. Deshalb blieb ihre Bedeutung bei wachen Tieren fast 50 Jahre lang unklar.

Die Wissenschaftler um Dr. Jérôme Epsztein und Professor Michael Brecht vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience haben jetzt wesentliche Funktionen der Spikelets geklärt (Science 327, 20101, 474).

Der Hippocampus ist eine Hirnregion, die beim räumlichen Gedächtnis und der räumlichen Orientierung eine zentrale Rolle spielt. Brecht und seinem Forscherteam ist es mit einem neuen Messverfahren gelungen, vom Inneren einzelner Zellen des Hippocampus elektrische Signale abzuleiten, während sich das Tier frei im Käfig bewegt. Dies ist ein entscheidender Schritt, um zu untersuchen, welche Bedeutung spikelets für die Hirnfunktion bei bestimmten Verhaltensweisen haben.

So genannte Ortszellen im Hippocampus werden immer dann aktiv und senden Aktionspotentiale aus, wenn sich das Tier an einem bestimmten Ort in einer ihm bekannten Umgebung aufhält. Die neuen Messungen der Forscherzeigen nun, dass eben diese Ortszellen nicht nur Aktionspotentiale aussenden, sondern auch Spikelets.

Weiterhin konnten die Wissenschaftler zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Entstehung von Aktionspotentialen und Spikelets gibt: etwa ein Drittel der Aktionspotentiale werden von Spikelets ausgelöst.

Bisher war man davon ausgegangen, dass Neurone in aller Regel nur dann ein Aktionspotential aussenden, wenn sie von vorgeschalteten Zellen über chemische Synapsen ausreichend angeregt werden.

Woher die Spikelets stammen, konnte bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden. "Man nimmt an, dass sie durch elektrische Kopplungen zwischen den Zellen ausgelöst werden", so Brecht. Jede Nervenzelle im Hippocampus erhält etwa 30.000 Kontakte von anderen Nervenzellen.

An diesen Kontaktstellen ist die elektrische Übertragung unterbunden und das elektrische Signal muss zur Weiterleitung in ein chemisches Signal umgewandelt werden. Einige wenige, wahrscheinlich nur ein bis vier von 30 000 Zellkontakten sind elektrisch gekoppelt: Das elektrische Signal kann direkt und ohne chemische Botenstoffe übertragen werden - in der Empfängerzelle wird es dann als Spikelets gemessen.

"Bisher hat man diesen Kontakten jedoch nicht genügend Bedeutung zugemessen. Unsere Daten weisen aber darauf hin, dass elektrische Kopplungen ganz spezifisch Zellen mit einer ähnlichen Funktion im Ortsgedächtnis zusammenschalten, und diese daher möglicherweise viel bedeutender sind als bisher angenommen", so Brecht.

Abstract der Studie "Impact of Spikelets on Hippocampal CA1 Pyramidal Cell Activity During Spatial Exploration"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »